Es gibt immer wieder Autorinnen und Autoren, die Literatur bis an ihre äußerte Grenze treiben. Hermann Broch gehört fraglos in diese Reihe, die für den deutschen Sprachraum wohl Heinrich von Kleist mit seiner radikalen Dramatik eröffnet. Broch lässt sich – genauso wie sein dramatischer Kollege – schwer in herkömmliche Kategorien einordnen: Er zeigt sich wert- und kulturkonservativ sowie zugleich radikal progressiv, registriert bedauernd den Zerfall des Bildungsbürgertums und einer gemeinsamen religiösen Orientierung, um im selben Atemzug von sich und anderen den unbedingten Bezug auf die neue Zeit – die Verpflichtung zur Gegenwärtigkeit – einzufordern. Sein künstlerisches Anliegen ist es, den Roman zur Kunstform zu erheben, und damit den zeitgenössischen ethischen Roman zu schaffen, was in der Folge, vor allem in Kapitel vier, genau zu erläutern ist. Eine spezifische Zerrissenheit ergibt sich aus seiner für die literarische Moderne nicht uncharakteristisch hohen, teils sogar extrem hohen Erwartung an die Literatur auf der einen Seite und den begrenzten Möglichkeiten des modernen, künstlerischen (also akribisch komponierten, komplexen) Romans auf der anderen Seite. Vor allem in seinen Briefen aus den 1930er- und 1940er-Jahren findet sich zudem die häufige Reflexion der völligen Bedeutungslosigkeit literarischen Schaffens angesichts der katastrophalen politischen Situation.

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Auf der Suche nach dem modernen Roman (1): erste Grundlagen

  • Helmut Grugger

摘要

Es gibt immer wieder Autorinnen und Autoren, die Literatur bis an ihre äußerte Grenze treiben. Hermann Broch gehört fraglos in diese Reihe, die für den deutschen Sprachraum wohl Heinrich von Kleist mit seiner radikalen Dramatik eröffnet. Broch lässt sich – genauso wie sein dramatischer Kollege – schwer in herkömmliche Kategorien einordnen: Er zeigt sich wert- und kulturkonservativ sowie zugleich radikal progressiv, registriert bedauernd den Zerfall des Bildungsbürgertums und einer gemeinsamen religiösen Orientierung, um im selben Atemzug von sich und anderen den unbedingten Bezug auf die neue Zeit – die Verpflichtung zur Gegenwärtigkeit – einzufordern. Sein künstlerisches Anliegen ist es, den Roman zur Kunstform zu erheben, und damit den zeitgenössischen ethischen Roman zu schaffen, was in der Folge, vor allem in Kapitel vier, genau zu erläutern ist. Eine spezifische Zerrissenheit ergibt sich aus seiner für die literarische Moderne nicht uncharakteristisch hohen, teils sogar extrem hohen Erwartung an die Literatur auf der einen Seite und den begrenzten Möglichkeiten des modernen, künstlerischen (also akribisch komponierten, komplexen) Romans auf der anderen Seite. Vor allem in seinen Briefen aus den 1930er- und 1940er-Jahren findet sich zudem die häufige Reflexion der völligen Bedeutungslosigkeit literarischen Schaffens angesichts der katastrophalen politischen Situation.