Ich-Entwürfe in der russophonen Gegenwartsliteratur
摘要
Ulrich Schmids Forschung zur slawischen Autobiographie1 lässt sich fruchtbar mit der gegenwärtigen Entwicklung der Autofiktion in der russophonen2 Literatur in Verbindung setzen. Seine Analysen zeigen, dass autobiographisches Schreiben stets im Spannungsfeld zwischen subjektiver Erfahrung und narrativer Konstruktion steht – eine Dynamik, die im autofiktionalen Schreiben besonders deutlich wird. Während Schmids Habilitation Ichentwürfe. Russische Autobiographie zwischen Avvakum und Gercen die vielfältigen Strategien der Selbstinszenierung beleuchtet3, weist die zeitgenössische russophone Literatur eine zunehmende Tendenz zur Vermischung von Fakt und Fiktion auf. Die Wahl der Autofiktion als „Genre des Jahres“ 2023 in Russland4 unterstreicht ihre wachsende Bedeutung als literarische Ausdrucksform. Diese Entwicklung könnte im Kontext von Schmids Überlegungen zur gegenseitigen Durchdringung von Theorie und Autobiographie betrachtet werden, wie er sie in Der Einfall des Lebens gemeinsam mit Dieter Thomä und Vincent Kaufmann diskutiert.5 Auch in Das öffentliche Ich: Selbstdarstellungen im literarischen und medialen Kontext setzen sich Schmid, Thomä und Kaufmann mit den literarischen und medialen Bedingungen von Selbstrepräsentation auseinander. Die analysierten Formen der Selbstdarstellung – sowohl in literarischen Texten als auch in digitalen Medien – verdeutlichen, dass Identität nicht als fixe Größe existiert, sondern narrativ konstruiert und durch mediale Praktiken geformt wird.6