Im Unterschied zu den Kantaten BWV 159 und 31, die schon von ihrer poetischen Anlage her einer dramatischen Idee gehorchen, sind die Libretti, die Bach vertonte, in ihrer Überzahl allegorisch angelegt. In ihnen treten zwar fast immer lyrische Subjekte auf, welche sich in der ersten Person Singular äußern und somit den Inhalt ihrer Aussage verantworten, doch sind diese kaum je zu realen Persönlichkeiten entwickelt, die mit anderen in dramatische Interaktion träten, sondern vertreten abstrakte Haltungen oder Daseinszustände und stehen damit für Glaubenstreue, Verzagtheit, Furcht, Barmherzigkeit, Gottvertrauen und dergleichen mehr. Äußerungen von der Form wie „Christum gläubig zu umfassen, will ich alle Freude lassen“ oder „Ich bin vergnügt mit meinem Glücke, das mir der liebe Gott beschert“ verstehen sich als Konkretisierungen verallgemeinerter, wenngleich bestimmter Einstellungen und gehören nicht einer aktuellen Sprechsituation an, in der sich eine zwar fiktive, aber gleichwohl wirklichkeitsgesättigte Person artikuliert. Zweifellos gibt es zahlreiche Beispiele, in denen sich Bachs Vertonung auf diese allegorische Disposition seiner Texte einläßt und ihre Inspiration von deren Inhalt her bezieht. Bemerkenswerterweise aber begegnen auch immer wieder Kompositionen, welche die lyrischen Subjekte aus ihrem Wachsfigurendasein herauslösen und zu lebendigen Individuen erstehen lassen, die nicht abstrakte und vorgestanzte, sondern ihre eigenen aktuellen Gedanken und Befindlichkeiten zum Ausdruck bringen. Ist man nun in der Rückschau geneigt, solchen Momenten von Bachs Komponieren ein Opernhaftes zu bescheinigen, so steht dem entgegen, daß Oper zu Bachs Lebzeiten gerade sich noch nicht solcherart Fähigkeiten erworben hatte und stattdessen Arien des Zorns, der Zärtlichkeit, der Klage oder der Verzweiflung aneinanderreihte. Die Opernkomposition des Barock war ebenso inhaltsbezogen, wie es die Kantatendichtung der Bachzeit ihren Vertonern nahelegte, und stellte keineswegs darauf ab, die Protagonisten der Handlung als kraft einer sie verbindenden Kontinuität konsistente, wandelbare, aber doch einsseiende Wesen in Erscheinung treten zu lassen. Erst Mozart entwickelt in Zusammenarbeit mit Lorenzo da Ponte eine musikalische Bühnenform, die den Gestalten seiner Opern ein an Wechselfällen des Lebens reiches Dasein ermöglicht, indem sie ihnen eine nicht an selektive Eigenschaften gebundene Identität verschafft. Der, dessen Bühnenerscheinung ausschließlich in seiner Natur als Bösewicht besteht, kann unmöglich in Handlungszusammenhängen auftreten, in denen er sich wohltätig oder liebevoll verhält, und kann daher innerhalb des Bühnenstücks nur schwerlich einer geschichtlichen Entwicklung seiner Persönlichkeit unterworfen sein. Erst wenn die Identität der Person jenseits feststehender Charakterzüge als bestandhaft gesetzt wird, vermag der Schurke zum Retter, der Feigling zum Helden, der Treue zum Verräter zu werden. Damit solches aber im Musiktheater gelinge, muß die Musik sich die Mittel verschafft haben, wechselnden Zuständen, Befindlichkeiten und Gefühlen derselben Person Ausdruck zu verleihen, also nicht am einmal aufgenommenen Modus festzuhalten, sondern diesen zu modifizieren, in einen anderen umschlagen zu lassen, zum vorigen zurückzukehren, zwischen unterschiedlichen Gefühlslagen hinund-herzuspringen, so wie es die gesprochene Rede realer Menschen in Inhalt, Ton und Duktus eben tut. Die Bewegung des Seelenzustands muß sich in der Musik widerspiegeln können, und dazu muß die Vertonung gesprochener Rede dieser ihren wechselnden Fluß, ihren Tonfall und ihren Rhythmus abhorchen und in ihre eigentümlichen Parameter übersetzen. Die Grundlage zu solchem Vermögen entwickelte Bach in seinen Kantaten und Oratorien; nicht daß jedes seiner Werke oder doch wenigstens einzelne von ihnen durchgängig eine derartige Verfahrensweise zum Prinzip der gesamten Vertonung erhöben, aber doch so, daß an vielen Stellen seines Vokalwerks ein Verständnis der zu bewältigenden Aufgabe durchscheint, das von der Idee eines neuen, einem dramatischen Realismus verpflichteten Musiktheaters zeugt.

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Allegorischer und dramatischer Stil

  • Michael Hoyer

摘要

Im Unterschied zu den Kantaten BWV 159 und 31, die schon von ihrer poetischen Anlage her einer dramatischen Idee gehorchen, sind die Libretti, die Bach vertonte, in ihrer Überzahl allegorisch angelegt. In ihnen treten zwar fast immer lyrische Subjekte auf, welche sich in der ersten Person Singular äußern und somit den Inhalt ihrer Aussage verantworten, doch sind diese kaum je zu realen Persönlichkeiten entwickelt, die mit anderen in dramatische Interaktion träten, sondern vertreten abstrakte Haltungen oder Daseinszustände und stehen damit für Glaubenstreue, Verzagtheit, Furcht, Barmherzigkeit, Gottvertrauen und dergleichen mehr. Äußerungen von der Form wie „Christum gläubig zu umfassen, will ich alle Freude lassen“ oder „Ich bin vergnügt mit meinem Glücke, das mir der liebe Gott beschert“ verstehen sich als Konkretisierungen verallgemeinerter, wenngleich bestimmter Einstellungen und gehören nicht einer aktuellen Sprechsituation an, in der sich eine zwar fiktive, aber gleichwohl wirklichkeitsgesättigte Person artikuliert. Zweifellos gibt es zahlreiche Beispiele, in denen sich Bachs Vertonung auf diese allegorische Disposition seiner Texte einläßt und ihre Inspiration von deren Inhalt her bezieht. Bemerkenswerterweise aber begegnen auch immer wieder Kompositionen, welche die lyrischen Subjekte aus ihrem Wachsfigurendasein herauslösen und zu lebendigen Individuen erstehen lassen, die nicht abstrakte und vorgestanzte, sondern ihre eigenen aktuellen Gedanken und Befindlichkeiten zum Ausdruck bringen. Ist man nun in der Rückschau geneigt, solchen Momenten von Bachs Komponieren ein Opernhaftes zu bescheinigen, so steht dem entgegen, daß Oper zu Bachs Lebzeiten gerade sich noch nicht solcherart Fähigkeiten erworben hatte und stattdessen Arien des Zorns, der Zärtlichkeit, der Klage oder der Verzweiflung aneinanderreihte. Die Opernkomposition des Barock war ebenso inhaltsbezogen, wie es die Kantatendichtung der Bachzeit ihren Vertonern nahelegte, und stellte keineswegs darauf ab, die Protagonisten der Handlung als kraft einer sie verbindenden Kontinuität konsistente, wandelbare, aber doch einsseiende Wesen in Erscheinung treten zu lassen. Erst Mozart entwickelt in Zusammenarbeit mit Lorenzo da Ponte eine musikalische Bühnenform, die den Gestalten seiner Opern ein an Wechselfällen des Lebens reiches Dasein ermöglicht, indem sie ihnen eine nicht an selektive Eigenschaften gebundene Identität verschafft. Der, dessen Bühnenerscheinung ausschließlich in seiner Natur als Bösewicht besteht, kann unmöglich in Handlungszusammenhängen auftreten, in denen er sich wohltätig oder liebevoll verhält, und kann daher innerhalb des Bühnenstücks nur schwerlich einer geschichtlichen Entwicklung seiner Persönlichkeit unterworfen sein. Erst wenn die Identität der Person jenseits feststehender Charakterzüge als bestandhaft gesetzt wird, vermag der Schurke zum Retter, der Feigling zum Helden, der Treue zum Verräter zu werden. Damit solches aber im Musiktheater gelinge, muß die Musik sich die Mittel verschafft haben, wechselnden Zuständen, Befindlichkeiten und Gefühlen derselben Person Ausdruck zu verleihen, also nicht am einmal aufgenommenen Modus festzuhalten, sondern diesen zu modifizieren, in einen anderen umschlagen zu lassen, zum vorigen zurückzukehren, zwischen unterschiedlichen Gefühlslagen hinund-herzuspringen, so wie es die gesprochene Rede realer Menschen in Inhalt, Ton und Duktus eben tut. Die Bewegung des Seelenzustands muß sich in der Musik widerspiegeln können, und dazu muß die Vertonung gesprochener Rede dieser ihren wechselnden Fluß, ihren Tonfall und ihren Rhythmus abhorchen und in ihre eigentümlichen Parameter übersetzen. Die Grundlage zu solchem Vermögen entwickelte Bach in seinen Kantaten und Oratorien; nicht daß jedes seiner Werke oder doch wenigstens einzelne von ihnen durchgängig eine derartige Verfahrensweise zum Prinzip der gesamten Vertonung erhöben, aber doch so, daß an vielen Stellen seines Vokalwerks ein Verständnis der zu bewältigenden Aufgabe durchscheint, das von der Idee eines neuen, einem dramatischen Realismus verpflichteten Musiktheaters zeugt.