Actus tragicus
摘要
Sollte sich unter den Teilnehmern einer Trauerfeier im südthürigischen Mühlhausen, auf der die Komposition eines weitgehend unbekannten einundzwanzigjährigen Kirchenmusikers auf eine ebenso dem Anlaß angemessene wie unspektakuläre Kompilation von Bibelworten erklang, ein kundiger Liebhaber der zeitgenössischen Vokalmusik befunden haben, muß ihm mit einem Schlag bewußt geworden sein, daß in diesem Augenblick für die aus der Verbindung von Wort und Musik entspringende Kunst eine neue Epoche angebrochen war; denn in diesem kleinen Werk begnügte die Vertonung sich nicht mehr damit, den Worten einen sprachgerechten Vortrag zu verschaffen und den Vorstellungsgehalt ihrer Aussage akustisch zu bebildern, vielmehr schickte sie sich an, der inneren Regung des menschlichen Wesens, das sie aussprach, Klang zu verleihen und das Gemüt des Hörers dadurch ebenfalls in Bewegung zu versetzen. Ein erstes Aufhorchen würde ihn durchfahren haben, als der auf die einleitende Sinfonia folgende Chorsatz, nachdem er in gebotener Heiterkeit bekundet hat, daß „Gottes Zeit […] die allerbeste Zeit“ sei, das menschliche Leben in metaphorischer Sinnfälligkeit als ein Weben abgeschildert und schließlich, wo das Bibelwort aufs Sterben zu sprechen kommt, artig die chromatischen Gänge hat vernehmen lassen, welche das musikalische Lexikon für derlei Anlässe vorsieht, den konditionierenden Nebensatz, mit welchem der Text endet, homophon gebündelt in nur zwei Akkorde und in harmonisch offener Wendung schließend, das ganze Gewicht seiner Aussage auf diese drei Worte zusammenballt: „wenn er will“. In ihm leben wir: wenn er will, in ihm sind wir: wenn er will, in ihm sterben wir: wenn er will. Das tiefe, Gelassenheit spendende Gottvertrauen, das den vorausliegenden Teil des Bibelwortes und die zugehörige Musik durchströmte, zerstiebt im Angesicht dieser Bedingung, die vom Kontinuum des Satzes durch eine Pause abzurücken und das letzte Wort einem alles unterminierenden Zweifel zu überlassen der unbekannte Kirchenmusiker die Kühnheit hatte. Das existentielle Ausgeliefertsein des menschlichen Daseins, die Unabsehbarkeit seines Schicksals, die erfahrungsgemäße Akzidentialität seiner Beglückungen und Verwüstungen bricht hier mit einem Mal aus dem hervor, was doch vermeintlich vom Geist der Wohlgeborgenheit erfüllt ist, und zwar nicht, weil die Musik den Ausdruck der Zuversicht und der Gottergebenheit durch Schmerzenslaute und Jammergestöhn diskreditierte, sondern weil sie, nachdem sie genau dieser Zuversicht ausgiebig ihr Recht hat zukommen lassen, am Ende und durchschlagend der Anfechtung Gehör verschafft, auf die es, auch harmonisch, keine Antwort gibt. „Wenn er will.“ Aber will er? Und wann wird er wollen? Gerade weil im Deutschen des frühen 18. Jahrhunderts wenn und wann noch nicht geschieden waren und das wenn sowohl als bedingende Konjunktion als auch als temporales Fragepronomen fungierte, mußten diese drei Worte alles zuvor Gesagte in die furchterregende Finsternis hineinreißen, die alle menschliche Zukunft verschlingt. „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ – wenn er will. Wir wissen es nicht.