Einleitung
摘要
„Es geht nichts von ihm aus; alles führt nur auf ihn hin“, urteilt Albert Schweitzer in seiner Bach-Biographie.1 Der Fall ist fast das genaue Gegenteil; denn zwar hat Bach auch manche schon vorfindliche Kompositionstechnik aufgegriffen und weiterentwickelt, vor allem aber begründete er jene Musiksprache, die drei Jahrhunderte hindurch, bis zum Tod von Richard Strauss, unangefochten alle Komposition beherrschte. Bach inaugurierte die Synthesis in sich stringenter Stimmenverläufe mit einer Stringenz der harmonischen Fortschreitung; er etablierte die Dissonanz als maßgeblichen Faktor der musikalischen Logik; und er entnahm der gesprochenen Sprache Momente, um sie der Musik als Instrumente musikalischen Ausdrucks einzupflanzen. Ohne Bach gäbe es keine Integration der Logik der Einzelstimmen in die gleichwertige Logik des harmonischen Fortgangs, ohne ihn hätte es nie zu einer Musik der Spannungsverläufe kommen können, wie sie für Klassik und Romantik essentiell ist, ohne ihn hätte Komposition nie gelernt, das menschliche Bedürfnis nach Ausdruck von Gemütsbewegungen zu befriedigen, wodurch das Musikdrama und das Kunstlied allererst möglich wurden; auch weite Bereiche der Instrumentalmusik seit Mozart sind übrigens diesem Bedürfnis verpflichtet. Das letztgenannte Phänomen in Bachs Vokalwerk aufzuspüren, seine Funktionsmechanismen zu untersuchen und zu beschreiben, ist die Aufgabe, welche die vorliegende Studie sich vorgenommen hat.