Die verschwundenen Nachbarn
摘要
Dass ich ein Bobrowski-Leser irgendwann werden musste, entschied sich im Februar 1965 am Wannsee. Nicht hier in den Räumen des Literarischen Colloquiums, sondern im Blockhaus Nikolskoje mit dem zum Träumen einladenden Blick auf die verschneite Pfaueninsel. Zehn Jahre war ich damals alt und mein Vater hatte mich aus dem Rheinland, aus Westdeutschland, nach Berlin mitgenommen zu einem Besuch bei seinem Bruder, dem Berliner Germanisten Alfred Kelletat. Einen langen Nachmittag saßen die beiden Brüder mit ihrem Onkel Hugo Kelletat in jenem für den Berliner Aufenthalt des russischen Zaren errichteten Blockhaus. Der alte schlohweißhaarige Mann, 1880 als Sohn eines Schneiders aus Lesgewangminnen geboren, erzählte aus seiner Kindheit im wolhynischen Wischnjakowka in der fernen Ukraine. In das fruchtbare wolhynische Kolonistenland waren die Kelletats um 1885 für zehn Jahre ausgewandert, mein Großvater wurde dort geboren, und dann ging es wieder zurück in die eigentliche Herkunftsgegend, nach Tilsit und Ragnit und Memel und in die litauisch-preußischen Dörfer rings um den Rombinus. Es war eine strenggläubige Baptistenfamilie. Mein Großvater zog vor dem ersten Weltkrieg nach Königsberg, die Geburtsstadt meines Vaters und meines Onkels.