Jaroslav Hašeks Schwejk in der Inszenierung von Dušan David Pařízek. Eine postkoloniale Interpretation
摘要
Im Juni 2015 wurde im Rahmen der Wiener Festwochen eine Koproduktion von Dušan David Pařízek mit dem Titel Kauza Schwejk / Der Fall Švejk, nach dem tschechischen Roman von Jaroslav Hašek, uraufgeführt. Neben den Wiener Festwochen waren auch das tschechische Theater Studio Hrdinů und das deutsche Theater Bremen an der Produktion beteiligt. Der Wiener Premiere folgten im Herbst desselben Jahres deutsche und tschechische Aufführungen.1 Die Inszenierung des in der Tschechoslowakei geborenen Regisseurs, der abwechselnd im tschechischen Theaterraum und in den deutschsprachigen Theatern arbeitet, reiste durch drei europäische Länder. In der international besetzten Produktion waren tschechische, deutsche (abwechselnd Schriftdeutsch, Dialekte und Wienerdeutsch) und ungarischsprachige Schauspieler:innen zu sehen. Pařízek brachte die archetypische und weltberühmte Geschichte des Soldaten Josef Schwejk auf die Bühne, für die einen ein hartköpfiger Narr, für die anderen ein listiger Repräsentant des tschechischen Nationalcharakters. Pařízek versuchte, seine eigene Adaption so zu inszenieren, dass sie für ein Publikum aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Sprachen und kulturellen Gepflogenheiten verständlich ist. Doch sind die Länder Mitteleuropas wirklich kulturell so unterschiedlich? Oder haben sie, die Länder Mittel- und Westeuropas, ein gemeinsames historisches sowie kulturelles Gedächtnis, eine Art kollektives Bewusstsein, mit dem man sich – unabhängig von Nationalität und Religionszugehörigkeit – mit der Geschichte von Schwejk identifizieren können? Ist Hašeks Roman ein Werk, das die Grenzen der einzelnen Kulturen überschreitet? Oder lässt sich die Figur des Schwejk mit seinem Charakter zu einem bestimmten Land auf dem Gebiet des ehemaligen Habsburgerreiches zuordnen? Für wen wird er zum Symbol der nationalen Identität – sind es die Tschechen, die Österreicher, die Slawen oder die Ungarn –? Welches Bild des zeitgenössischen Mitteleuropas lässt sich folglich aus Pařízeks Inszenierung – in der Schwejk selbst nie auftaucht und nur in der Maschinerie des österreichisch-ungarischen Staatsapparates entschieden wird – gewinnen? Und was für einen Charakter stellt eigentlich Josef Schwejk dar? Diese Fragen stellt sich das folgende Kapitel, das Pařízeks Inszenierung mit Blick auf Konzepte der Transkulturalität und des Postkolonialismus fokussieren will.