Der Artikel untersucht literarische Aneignungen der Biografie Gustav Mesmers (1903–1994) – eines oberschwäbischen Flugpioniers, dessen Leben zwischen künstlerischem Eigensinn und psychiatrischem Betreuungsbedarf oszillierte. Im Fokus stehen Walle Sayers Gedicht Einweisung (2012), eine lyrische Verdichtung des Internierungsmoments, und Annette Pehnts Prosatext Wie der Mesmer Gustav das Fliegen lernte (2012), der Mesmers Biografie als fragile Erfolgsgeschichte entwirft. Beide Texte exemplifizieren das Konzept der „Schwellen-Pathographie“: Sie inszenieren Mesmer nicht als psychiatrischen Fall, sondern als Figur, die von anthropologischen Grundkonflikten stark herausgefordert wird – etwa dem Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit („Ich-Anliegen“) und sozialer Norm („Wir-Anliegen“, Tomasello 2020: 410 f.). Methodisch kombiniert der Artikel Gerigks (2018) poetologische Differenz mit der genreübergreifenden narratologischen Analyse von Hühn und Schönert (2007). Didaktisch relevant sind die Texte für den Literaturunterricht, weil sie 1. Gattungsbewusstsein schärfen, 2. Normkritik anregen und 3. auf unterschiedliche Weise Leser:innenaktivität erforderlich machen. Mesmers Leben wird so zum Prisma für die Frage, wie Literatur Realbiografien als kulturelle Deutungsmuster konstruiert.

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Der Ikarus vom Lautertal

  • Friedemann Holder

摘要

Der Artikel untersucht literarische Aneignungen der Biografie Gustav Mesmers (1903–1994) – eines oberschwäbischen Flugpioniers, dessen Leben zwischen künstlerischem Eigensinn und psychiatrischem Betreuungsbedarf oszillierte. Im Fokus stehen Walle Sayers Gedicht Einweisung (2012), eine lyrische Verdichtung des Internierungsmoments, und Annette Pehnts Prosatext Wie der Mesmer Gustav das Fliegen lernte (2012), der Mesmers Biografie als fragile Erfolgsgeschichte entwirft. Beide Texte exemplifizieren das Konzept der „Schwellen-Pathographie“: Sie inszenieren Mesmer nicht als psychiatrischen Fall, sondern als Figur, die von anthropologischen Grundkonflikten stark herausgefordert wird – etwa dem Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit („Ich-Anliegen“) und sozialer Norm („Wir-Anliegen“, Tomasello 2020: 410 f.). Methodisch kombiniert der Artikel Gerigks (2018) poetologische Differenz mit der genreübergreifenden narratologischen Analyse von Hühn und Schönert (2007). Didaktisch relevant sind die Texte für den Literaturunterricht, weil sie 1. Gattungsbewusstsein schärfen, 2. Normkritik anregen und 3. auf unterschiedliche Weise Leser:innenaktivität erforderlich machen. Mesmers Leben wird so zum Prisma für die Frage, wie Literatur Realbiografien als kulturelle Deutungsmuster konstruiert.