Ludwig Renns Roman Nachkrieg ist im Vorspruch als »Fortsetzung von Krieg«1 deklariert. Er schließt auf der Handlungs- und Figurenebene direkt an den Vorgängerroman an. Der Ich-Erzähler, Vizefeldwebel Renn, liegt in einem Viehwagon und wird von der Westfront in die Heimat zurücktransportiert. Das erzähltechnische Problem des Revolutionsromans, die Spannung zwischen Überblicksdarstellung und Perspektive ›von unten‹, löst Renn auf einfache Weise, indem er hauptsächlich das erzählende Ich seine beschränkte Sicht auf Ereignisse und Gestalten wiedergeben und kommentieren lässt. Hinzu kommen Zeitungs- und Augenzeugenberichte von Ereignissen, bei denen der Ich-Erzähler nicht dabei war, sowie Plakate, die er liest. Anders als Glaeser hat Renn nicht den Ehrgeiz, ein möglichst vollständiges Bild von der Revolution zu zeichnen. Ludwig Marcuse spricht mit Bezug darauf von einem »Kollektivporträt«2, an dem Glaeser insoweit scheitert, als viele Figuren, vor allem die politischen Exponenten, keine Kontur bekommen. Kurz und bündig schreibt Marcuse über Renns Roman: »Renn will bedeutend weniger als Glaeser – und erreicht mehr.«3 Marcuses Sammelbesprechung der beiden Romane regt dazu an, diese vergleichend zu lesen (was im Folgenden an einigen Stellen geschehen soll).4

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Anomie und Orientierungsverlust

  • Günter Rinke

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Ludwig Renns Roman Nachkrieg ist im Vorspruch als »Fortsetzung von Krieg«1 deklariert. Er schließt auf der Handlungs- und Figurenebene direkt an den Vorgängerroman an. Der Ich-Erzähler, Vizefeldwebel Renn, liegt in einem Viehwagon und wird von der Westfront in die Heimat zurücktransportiert. Das erzähltechnische Problem des Revolutionsromans, die Spannung zwischen Überblicksdarstellung und Perspektive ›von unten‹, löst Renn auf einfache Weise, indem er hauptsächlich das erzählende Ich seine beschränkte Sicht auf Ereignisse und Gestalten wiedergeben und kommentieren lässt. Hinzu kommen Zeitungs- und Augenzeugenberichte von Ereignissen, bei denen der Ich-Erzähler nicht dabei war, sowie Plakate, die er liest. Anders als Glaeser hat Renn nicht den Ehrgeiz, ein möglichst vollständiges Bild von der Revolution zu zeichnen. Ludwig Marcuse spricht mit Bezug darauf von einem »Kollektivporträt«2, an dem Glaeser insoweit scheitert, als viele Figuren, vor allem die politischen Exponenten, keine Kontur bekommen. Kurz und bündig schreibt Marcuse über Renns Roman: »Renn will bedeutend weniger als Glaeser – und erreicht mehr.«3 Marcuses Sammelbesprechung der beiden Romane regt dazu an, diese vergleichend zu lesen (was im Folgenden an einigen Stellen geschehen soll).4