Unter allen Sprachen der Welt, die jemals geblüht und verwelkt, ist keine einzige von einem so unbeträchtlichen dunkeln Ursprung zu einer solchen Höhe, zu einem so allgemeinen Ansehen und Herrschaft allmälig emporgewachsen, als die lateinische. Wer mag und kann die Quellen suchen, aus denen jener Strom entsprang, der durch alle kultivirte Völker Europa’s und durch alle Gegenden der Litteratur sich ergoß, und noch itzt, wenn gleich weniger schäumend und breit als ehedem, sich ergießt? Jene zusammengelaufene Rotte von Hirten und Räubern und Flüchtlingen, die an dem Ufer der Tiber den ersten Grundstein zu der nachmaligen Weltbeherrscherin legten, ließ sich’s wol eben so wenig träumen, daß ihr damaliges rohes Gekrächze sich dereinst zur allgemeinen Sprache der Gelehrsamkeit ausbilden würde, als sie erwarten konnte, daß das armselige Städtchen, das sie erbaute, dereinst in alle Gegenden der Welt siegende Heere und drohende Befehle aussenden [289|290] würde. Und doch geschah beides. Aber wahrlich nicht der Despotismus und die eben so glükliche als rasche Eroberungssucht, womit Rom alle Nationen des Erdbodens, die es kannte und zu erreichen vermogte, unter sein Joch beugte, war die Ursache, die seine Sprache auf den stralenden Thron erhob, von dem sie Jahrhunderte hindurch der gelehrten Republik Gesetze gab, und der zwar öfters durch Barbarei, durch Vorurtheil, durch Bequemlichkeitsliebe, durch gutgemeinte Reformationssucht erschüttert, noch öfter untergraben ward, aber doch noch fest steht, wenn gleich von wenigern Klienten und Trabanten umringt, als ehedem. Araber und Mogolen siegten schneller und herrschten weiter als Rom. Und dennoch ward ihre Sprache nie, was die Sprache Roms ward, weder an Ausbildung noch Ausbreitung. Die Sprache der besiegten Nationen blieb größtentheils unverschlungen von der des Siegers, ja oft ward diese von jener verschlungen. Doch auch Rom zerschmetterte Monarchieen und Republiken; aber grade die zwei Dinge, die jedes Volk am meisten und unterscheidendsten charakterisiren und die daher überall für den Philosophen sowol als für den Geschichtsforscher das erste Augenmerk sein müssen, Religion und Sprache, vermogte es weder mit dem Schwert seiner Imperatoren, noch mit den Fesseln seiner Prokonsuln zu vertilgen. Vielmehr nahm sie selbst, die Siegerin, von dem überwundnen Griechenland Religion und Sprache gutwillig in ihre [290|291] Mauren auf. Griechische Gottheiten wanderten in ihre Tempel, und griechische Sprache in die Palläste ihrer Großen und in die Assembleen und Cercles des römischen beau monde, die von der Zeit an ihre Muttersprache mit eben dem Naserümpfen und bedaurenden Achselzukken verachteten, womit nur immer ein deutscher Kammerherr oder eine deutsche Hofdame die ihrige verachten können. Man schrieb griechische pieces du jour, griechische Vaudevilles und Logogryphen, griechische Mandate und griechische billets doux.1

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Vertheidigung des Lateinschreibens und der Schulübungen darin

  • Friedrich Gedike

摘要

Unter allen Sprachen der Welt, die jemals geblüht und verwelkt, ist keine einzige von einem so unbeträchtlichen dunkeln Ursprung zu einer solchen Höhe, zu einem so allgemeinen Ansehen und Herrschaft allmälig emporgewachsen, als die lateinische. Wer mag und kann die Quellen suchen, aus denen jener Strom entsprang, der durch alle kultivirte Völker Europa’s und durch alle Gegenden der Litteratur sich ergoß, und noch itzt, wenn gleich weniger schäumend und breit als ehedem, sich ergießt? Jene zusammengelaufene Rotte von Hirten und Räubern und Flüchtlingen, die an dem Ufer der Tiber den ersten Grundstein zu der nachmaligen Weltbeherrscherin legten, ließ sich’s wol eben so wenig träumen, daß ihr damaliges rohes Gekrächze sich dereinst zur allgemeinen Sprache der Gelehrsamkeit ausbilden würde, als sie erwarten konnte, daß das armselige Städtchen, das sie erbaute, dereinst in alle Gegenden der Welt siegende Heere und drohende Befehle aussenden [289|290] würde. Und doch geschah beides. Aber wahrlich nicht der Despotismus und die eben so glükliche als rasche Eroberungssucht, womit Rom alle Nationen des Erdbodens, die es kannte und zu erreichen vermogte, unter sein Joch beugte, war die Ursache, die seine Sprache auf den stralenden Thron erhob, von dem sie Jahrhunderte hindurch der gelehrten Republik Gesetze gab, und der zwar öfters durch Barbarei, durch Vorurtheil, durch Bequemlichkeitsliebe, durch gutgemeinte Reformationssucht erschüttert, noch öfter untergraben ward, aber doch noch fest steht, wenn gleich von wenigern Klienten und Trabanten umringt, als ehedem. Araber und Mogolen siegten schneller und herrschten weiter als Rom. Und dennoch ward ihre Sprache nie, was die Sprache Roms ward, weder an Ausbildung noch Ausbreitung. Die Sprache der besiegten Nationen blieb größtentheils unverschlungen von der des Siegers, ja oft ward diese von jener verschlungen. Doch auch Rom zerschmetterte Monarchieen und Republiken; aber grade die zwei Dinge, die jedes Volk am meisten und unterscheidendsten charakterisiren und die daher überall für den Philosophen sowol als für den Geschichtsforscher das erste Augenmerk sein müssen, Religion und Sprache, vermogte es weder mit dem Schwert seiner Imperatoren, noch mit den Fesseln seiner Prokonsuln zu vertilgen. Vielmehr nahm sie selbst, die Siegerin, von dem überwundnen Griechenland Religion und Sprache gutwillig in ihre [290|291] Mauren auf. Griechische Gottheiten wanderten in ihre Tempel, und griechische Sprache in die Palläste ihrer Großen und in die Assembleen und Cercles des römischen beau monde, die von der Zeit an ihre Muttersprache mit eben dem Naserümpfen und bedaurenden Achselzukken verachteten, womit nur immer ein deutscher Kammerherr oder eine deutsche Hofdame die ihrige verachten können. Man schrieb griechische pieces du jour, griechische Vaudevilles und Logogryphen, griechische Mandate und griechische billets doux.1