Apodiktische Kritik der eidetischen Variation in der Phantasie
摘要
Unsere vorangehende Analyse sollte den impliziten Leitfaden in der Entstehung und Entwicklung der Lehre der Wesensschau sichtbar machen. Durch die kritische Auseinandersetzung mit dem Psychologismus stellt Husserl klar, dass die grundlegende Erkenntnis eine „Identität im echten und strengsten Sinne“ besitzt; eine psychologistische Untersuchung erweist sich aufgrund ihrer reduktionistischen Tendenz als ungeeignet für die Aufklärung der Wesensschau. Eine deskriptiv-statische Aktanalyse in der natürlichen Einstellung vermag die transzendentale Frage noch nicht zu lösen, da die Fragestellung, wie wir über uns hinaus das Ideale erkennen können, bereits Transzendenzen voraussetzt. Diese Frage ist vielmehr im Rahmen einer tiefergehenden Konstitutionsanalyse zu behandeln, in der sich die scheinbar absolute Gegenüberstellung von Realem und Idealem als Resultat unterschiedlicher Weisen der Zeitkonstitution erweist. Doch auch die Analyse der Zeitkonstitution reicht hierfür nicht aus, da eine allzeitliche Bedeutungsidentität für sich genommen noch keine notwendige Gültigkeit begründet. Die Notwendigkeit der Grundbegriffe und Grundgesetze muss daher aus einer anderen Quelle stammen. Der spätere Husserl präzisiert die Wesensschau als ein Variationsverfahren in der Phantasie, in dem das Invariante gegenüber den Varianten herausgehoben wird. Auf diese Weise soll die Endleistung der eidetischen Variation das reine und notwendige Apriori liefern. Bei dem Versuch, die Frage zu lösen, wie man – ohne die Endleistung bereits vorauszusetzen – überhaupt mit der Auswahl eines geeigneten Beispiels beginnen und das Variationsverfahren weiterführen kann, ziehen wir die Lehre vom Typus heran. Mit der späten historischen Wende zeigt sich anhand der Unmöglichkeit, geometrische Gegenstände durch eidetische Variation in der Phantasie zu gewinnen, dass für exakte Ideen nicht die eidetische Variation, sondern die Idealisierung verantwortlich sein muss. Damit wird die Wesensschau streng von der Idealisierung unterschieden, deren Leistung zuvor fälschlicherweise der Wesensschau zugeschrieben wurde. Das, worauf Husserl zu Beginn den Begriff der Wesensschau bezieht, erweist sich vielmehr als ein komplexes Phänomen, das aus unterschiedlichen Leistungen zusammengesetzt ist. Nachdem diese verschiedenen Leistungen auseinandergelegt worden sind, bleibt die Rede von der Wesensschau sinnvoll, jedoch nur noch in der Gestalt der eidetischen Variation in der Phantasie als der ursprünglichen Konstitution inexakter Wesen. Damit ist jedoch die Frage noch nicht entschieden, ob das Ergebnis der eidetischen Variation in der Phantasie tatsächlich apriorisch notwendig ist. Diese Frage einer höherstufigen apodiktischen Kritik zu unterziehen, bildet die Hauptaufgabe des vorliegenden Kapitels.