Bereits Husserls Habilitationsschrift „Über den Begriff der Zahl“ (1887) sowie sein erstes Hauptwerk, PA (1891), enthalten zu einem großen Teil genetische Untersuchungen arithmetischer Objekte wie Zahlen und Operationen. Mit den LU (1900/01) gab Husserl diese genetische Untersuchungsweise zunächst vollständig auf, bevor er die genetische Analyse in den 1920er und 1930er Jahren erneut in den Mittelpunkt seiner phänomenologischen Arbeit rückte. Diese genetische Wende ist als natürliche und notwendige Konsequenz der transzendentalen Wende zu begreifen. Während sich die Transzendentalfrage mit der Einführung der transzendentalen Reduktion von der statischen Analyse jener Akte, die Transzendenz ermöglichen, hin zur Analyse der Konstitution vom transzendentalen Bereich aus wandelte, eröffnete die genetische Wende eine weitere entscheidende Dimension: Die transzendental-konstitutive Phänomenologie betrachtet die Konstitution sinnlicher wie idealer Gegenständlichkeiten nun nicht mehr isoliert als spontane Leistung auf der Basis aktueller Gegebenheiten. Vielmehr bezieht sie systematisch jene Vorgegebenheiten mit ein, die im Zuge der Erfahrungsgeschichte durch passive Synthesen bereits vorkonstitutiert wurden. Wie die „Reduktion auf den reellen Bestand“ in den LU bereits gezeigt hat, lässt sich der Rechtsgrund eines Gegenstandssinnes und einer Gegenstandsetzung nicht allein in den jeweils aktuell und unmittelbar gegebenen Beständen finden; ihre Rechtfertigung verlangt vielmehr die Berücksichtigung der gesamten Erfahrungsgeschichte. Daher rekonstruiert das vorliegende Kapitel den vollständigen Konstitutionszusammenhang – von der passiven Vorkonstitution des Typus bis hin zur Erfassung des Wesens im Variationsverfahren. Dabei wird sich zeigen, dass erst die Einbeziehung der Erfahrungsgeschichte jene systematischen Schwierigkeiten der Wesensschau beheben kann, die in den LU noch aus ihrer methodischen Beschränkung auf aktuelle Gegebenheiten resultierten.

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Die Lehre der Wesensschau im Licht der genetischen Wende

  • Mingyu Wang

摘要

Bereits Husserls Habilitationsschrift „Über den Begriff der Zahl“ (1887) sowie sein erstes Hauptwerk, PA (1891), enthalten zu einem großen Teil genetische Untersuchungen arithmetischer Objekte wie Zahlen und Operationen. Mit den LU (1900/01) gab Husserl diese genetische Untersuchungsweise zunächst vollständig auf, bevor er die genetische Analyse in den 1920er und 1930er Jahren erneut in den Mittelpunkt seiner phänomenologischen Arbeit rückte. Diese genetische Wende ist als natürliche und notwendige Konsequenz der transzendentalen Wende zu begreifen. Während sich die Transzendentalfrage mit der Einführung der transzendentalen Reduktion von der statischen Analyse jener Akte, die Transzendenz ermöglichen, hin zur Analyse der Konstitution vom transzendentalen Bereich aus wandelte, eröffnete die genetische Wende eine weitere entscheidende Dimension: Die transzendental-konstitutive Phänomenologie betrachtet die Konstitution sinnlicher wie idealer Gegenständlichkeiten nun nicht mehr isoliert als spontane Leistung auf der Basis aktueller Gegebenheiten. Vielmehr bezieht sie systematisch jene Vorgegebenheiten mit ein, die im Zuge der Erfahrungsgeschichte durch passive Synthesen bereits vorkonstitutiert wurden. Wie die „Reduktion auf den reellen Bestand“ in den LU bereits gezeigt hat, lässt sich der Rechtsgrund eines Gegenstandssinnes und einer Gegenstandsetzung nicht allein in den jeweils aktuell und unmittelbar gegebenen Beständen finden; ihre Rechtfertigung verlangt vielmehr die Berücksichtigung der gesamten Erfahrungsgeschichte. Daher rekonstruiert das vorliegende Kapitel den vollständigen Konstitutionszusammenhang – von der passiven Vorkonstitution des Typus bis hin zur Erfassung des Wesens im Variationsverfahren. Dabei wird sich zeigen, dass erst die Einbeziehung der Erfahrungsgeschichte jene systematischen Schwierigkeiten der Wesensschau beheben kann, die in den LU noch aus ihrer methodischen Beschränkung auf aktuelle Gegebenheiten resultierten.