In der heutigen Gesellschaft kann Vaterschaft vielfältig gelebt werden, sie unterliegt aber dennoch gesellschaftlichen Zwängen, die sich historisch erklären lassen: Bis in die frühe Neuzeit war das Bild des pater familias als Familienoberhaupt der römischen Antike dominant und schrieb dem Vater konkrete (gesellschaftliche) Funktionen zu, die vor allem mit „Macht und Ansehen, mit wesentlicher Gewichtung für das Funktionieren und die Reproduktion der Familie“ (Burger 2021, VII) attribuiert sind. Über einen langen Zeitraum der Geschichte hatte damit die eindeutige Stellung des Vaters als Familienoberhaupt, Beschützer und Ernährer der Familie Bestand und wurde von Generation zu Generation weitestgehend unhinterfragt weitergegeben. Aufgrund verschiedener Modernisierungsprozesse – wie beispielsweise der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, der Emanzipationsbewegung in den 1970er-Jahren und der Pluralisierung der Lebensformen im 20. Jahrhundert, die Verschiebungen der Geschlechterverhältnisse und veränderte strukturelle Rahmenbedingungen mit sich brachten – haben sich die gestellten Ansprüche an die Vaterrolle verändert. Heutzutage sind viele Väter präsenter in der Familie und stärker in die Übernahme von Care-Arbeiten involviert, als es noch ihre eigenen Väter und Großväter waren (vgl. Kassner/Gärtner 2025, 5). Die Möglichkeiten der individuellen Ausgestaltung von Väterlichkeit bewegen sich – so scheint es – in einem komplexen Spannungsfeld, das sich vor allem im Hinblick auf das Verhältnis von Beruf und Familie neu justieren muss (vgl. z. B. Lengersdorf/Meuser 2019; Possinger 2015). Demgemäß und in Anlehnung an das erste oben aufgeführte Zitat ist Familie als soziales Konstrukt ein dynamisches und variables System, das sich an gesellschaftliche Veränderungen immer wieder flexibel anpassen muss. Die Literatur bringt als Reflexionsmedium gesellschaftlicher Entwicklung Konstruktionsmechanismen von Gesellschaftswirklichkeiten und damit auch Vater- und Männlichkeitskonstruktionen hervor. Auch die Kinder- und Jugendliteratur nimmt gesellschaftliche Transformationsprozesse auf und erzählt von veränderten Familienstrukturen jenseits der traditionellen Familienkonstellation mit binären, biologischen Elternteilen (vgl. Roeder/Ritter 2017, 9).

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Einleitung

  • Kristina Spahn

摘要

In der heutigen Gesellschaft kann Vaterschaft vielfältig gelebt werden, sie unterliegt aber dennoch gesellschaftlichen Zwängen, die sich historisch erklären lassen: Bis in die frühe Neuzeit war das Bild des pater familias als Familienoberhaupt der römischen Antike dominant und schrieb dem Vater konkrete (gesellschaftliche) Funktionen zu, die vor allem mit „Macht und Ansehen, mit wesentlicher Gewichtung für das Funktionieren und die Reproduktion der Familie“ (Burger 2021, VII) attribuiert sind. Über einen langen Zeitraum der Geschichte hatte damit die eindeutige Stellung des Vaters als Familienoberhaupt, Beschützer und Ernährer der Familie Bestand und wurde von Generation zu Generation weitestgehend unhinterfragt weitergegeben. Aufgrund verschiedener Modernisierungsprozesse – wie beispielsweise der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, der Emanzipationsbewegung in den 1970er-Jahren und der Pluralisierung der Lebensformen im 20. Jahrhundert, die Verschiebungen der Geschlechterverhältnisse und veränderte strukturelle Rahmenbedingungen mit sich brachten – haben sich die gestellten Ansprüche an die Vaterrolle verändert. Heutzutage sind viele Väter präsenter in der Familie und stärker in die Übernahme von Care-Arbeiten involviert, als es noch ihre eigenen Väter und Großväter waren (vgl. Kassner/Gärtner 2025, 5). Die Möglichkeiten der individuellen Ausgestaltung von Väterlichkeit bewegen sich – so scheint es – in einem komplexen Spannungsfeld, das sich vor allem im Hinblick auf das Verhältnis von Beruf und Familie neu justieren muss (vgl. z. B. Lengersdorf/Meuser 2019; Possinger 2015). Demgemäß und in Anlehnung an das erste oben aufgeführte Zitat ist Familie als soziales Konstrukt ein dynamisches und variables System, das sich an gesellschaftliche Veränderungen immer wieder flexibel anpassen muss. Die Literatur bringt als Reflexionsmedium gesellschaftlicher Entwicklung Konstruktionsmechanismen von Gesellschaftswirklichkeiten und damit auch Vater- und Männlichkeitskonstruktionen hervor. Auch die Kinder- und Jugendliteratur nimmt gesellschaftliche Transformationsprozesse auf und erzählt von veränderten Familienstrukturen jenseits der traditionellen Familienkonstellation mit binären, biologischen Elternteilen (vgl. Roeder/Ritter 2017, 9).