Der Mythos Verdrängung
摘要
Die Psychotherapeutin von „Wilkomirski“ erklärte in einem Schreiben, dass sie mit „Wilkomirski“ über zweieinhalb Jahre hinweg seine Kindheit durchgearbeitet und ihm damit seine traumatischen Erinnerungen habe wieder zugänglich machen können (Mächler 2000). Dies impliziert, dass die traumatischen Erinnerungen „Wilkormirski“ vorher nicht selbst zugänglich waren. Typischerweise wird hierfür das Konzept der „Verdrängung“ bzw. „verdrängter Erinnerungen“ herangezogen. Obwohl ursprünglich basierend auf Überlegungen von Sigmund Freud, hat dieser sich später von der Vorstellung distanziert, Erinnerungen an traumatische Ereignisse würden in das Unbewusste „verdrängt“ werden und somit dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich sein (Ross 2022). Dennoch ist der Glaube an Verdrängung – im Sinne einer Unfähigkeit, sich an traumatische Ereignisse zu erinnern – enorm verbreitet: 94 % einer repräsentativen US-Stichprobe stimmten dieser Vorstellung zu (Grady et al. 2025). Wurde die Frage noch etwas weiter eingegrenzt und nicht nur nach dem Glauben an Verdrängung gefragt, sondern auch nach der Überzeugung, dass es möglich ist, sich an solche verdrängten Erinnerungen nach vielen Jahren wieder zu erinnern, so stimmten in den USA kaum weniger Personen zu (92 %, Grady et al. 2025), während der Prozentsatz in einer niederländischen Stichprobe aus der allgemeinen Bevölkerung mit 59–67 % deutlich niedriger lag (Otgaar et al. 2019; vgl. auch Otgaar et al. 2021). Auch unter kürzlich befragten Psychotherapeut:innen bejahte die überwiegende Mehrheit (82 %) die Frage, ob sie schon einmal verdrängte traumatische Ereignisse als Ursache der Symptome von Klient:innen angenommen hätten (Schemmel et al. 2024). Interessanterweise unterschieden sich Psychotherapeut:innen der unterschiedlichen Schulen nicht sehr stark (Verhaltenstherapie: 76 %, Tiefenpsychologie: 90 %, Schemmel et al. 2024). Zusätzlich berichteten viele der befragten Psychotherapeut:innen, dass ihre Klient:innen ein verdrängtes Trauma hinter ihren Symptomen vermuteten (83 %; vgl. auch Zappalà et al. 2024; s. Punkt 2).