Der Aufsatz untersucht das Verhältnis von realistischer Poetik und Ressentiment am Beispiel von Paul Heyses kaum beachteter Novelle F.V.R.I.A. (1885). Am Gegenstand eines Falls weiblicher Untreue entwickelt die Künstlernovelle, die im Autodafé eines weiblichen Akts endet, eine Theorie der Sublimierung. Im Rahmen des Wechselspiels von Rahmen- und Binnenerzählung stellt sie das ästhetische Vermögen der Darstellungsangst religiös-konservativer Milieus und einem aus sexueller Frustration erklärten Ressentiment gegenüber. Dabei erweist sich das Verhältnis von Realismus und Ressentiment als mehrdimensional: Im Kontext populärer zeitgenössischer Affekttheorie (Paolo Mantegazza) sowie des aufkeimenden Antifeminismus zeigt das Ressentiment nicht nur seine Tendenz zur Verleugnung von Wirklichkeit, sondern es beweist in Heyses Novelle zugleich eine besondere Affinität zum realistischen Erzählen. Der Aufsatz geht dieser narrativen Affordanz des Ressentiments nach und setzt sie ins Verhältnis zu Heyses eigener Poetik der „Silhouette“. Nicht die epistemologische Unmöglichkeit der Darstellung, sondern ihre soziale Tabuisierung und ihre affektive Kontrolle erweist sich dabei als Schlüsselproblem einer Ethik des Realismus.

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Darstellungsangst und Erzählgroll. Paul Heyses F.V.R.I.A. (1885)

  • Roman Widder

摘要

Der Aufsatz untersucht das Verhältnis von realistischer Poetik und Ressentiment am Beispiel von Paul Heyses kaum beachteter Novelle F.V.R.I.A. (1885). Am Gegenstand eines Falls weiblicher Untreue entwickelt die Künstlernovelle, die im Autodafé eines weiblichen Akts endet, eine Theorie der Sublimierung. Im Rahmen des Wechselspiels von Rahmen- und Binnenerzählung stellt sie das ästhetische Vermögen der Darstellungsangst religiös-konservativer Milieus und einem aus sexueller Frustration erklärten Ressentiment gegenüber. Dabei erweist sich das Verhältnis von Realismus und Ressentiment als mehrdimensional: Im Kontext populärer zeitgenössischer Affekttheorie (Paolo Mantegazza) sowie des aufkeimenden Antifeminismus zeigt das Ressentiment nicht nur seine Tendenz zur Verleugnung von Wirklichkeit, sondern es beweist in Heyses Novelle zugleich eine besondere Affinität zum realistischen Erzählen. Der Aufsatz geht dieser narrativen Affordanz des Ressentiments nach und setzt sie ins Verhältnis zu Heyses eigener Poetik der „Silhouette“. Nicht die epistemologische Unmöglichkeit der Darstellung, sondern ihre soziale Tabuisierung und ihre affektive Kontrolle erweist sich dabei als Schlüsselproblem einer Ethik des Realismus.