Shakespeare und „Die weißen Wände der Ratlosigkeit“. Überlegungen zu einem unveröffentlichten Fragment von Dieter Forte
摘要
Dieter Fortes Erinnerungspoetik, wie sie sich in seinem großen erzählerischen Werk (Das Haus auf meine Schultern und Auf der anderen Seite der Welt) formuliert, schreibt sich ein in eine lange abendländische Tradition, die bis auf die frühe Mnemotechnik des Simonides von Keos zurückgeht und heute in zeitgenössischen Forschungen zum narrativen Gedächtnis, etwa bei Aleida Assmann, reflektiert wird. Als konstitutiv und als Bedingung der Möglichkeit für das erinnernde Erzählen, das „Erinnern-Wollen“ (Forte), erweist sich dabei die traumatische Erfahrung von Krieg und Zerstörung. Das Spätwerk Dieter Fortes verzichtet indes zunehmend auf den Anspruch der Rekonstitution des Vergangenen und Verlorenen im erinnernden Erzählen und führt stattdessen, dies die These dieses Beitrags, in immer stärker fragmentierten Skizzen, Aperçus, Anekdoten, das „Erinnern-Wollen“ auf ein geradezu anthropologisch fundiertes „Sprechen-Wollen“, „Sprechen-Müssen“ zurück. Nicht Erinnerung wird primär erzählt, sondern Sprache, wie Forte selbst formulierte. Die These soll anhand des bislang unveröffentlichten „Shakespeare“-Fragments illustriert werden.