Aufstieg ohne ‚Leseszene‘: Weibliche Autosoziobiographie bei Annie Ernaux und deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen
摘要
In seinem Aufsatz über „Akademische Aufsteiger“ beschreibt Carlos Spoerhase die „scholarship boys als literarische Sozialfiguren der Autosoziobiographie“; zum Werdegang dieser, aufgrund ihrer Begabung geförderten, Stipendiaten und ihrer genretypischen Darstellung gehöre zentral die Erfahrung einer ‚Leseszene‘. Sie ermögliche durch identifikatorische Lektüre einen Akt psychoästhetischer Erfahrung und Selbsterkenntnis, die den Bildungstrieb weckten und den Bildungsaufstieg initiierten. So prototypisch Beispieltext und Stellenwert der Lektüreerfahrung für den ‚Bildungsaufsteiger‘ angelegt sind, so genderspezifisch und exklusiv scheinen sie: Im Werk der französischen Autorin Annie Ernaux, die Begriff und Genre der Autosoziobiographie geprägt und maßgeblich entwickelt hat, findet sich keine Leseszene im o. g. Sinne, ebenso wenig wie in autosoziobiographisch gelesenen Werken der deutschsprachigen Gegenwartsautorinnen Dröscher, Ohde und Stelling. Der Beitrag betrachtet ‚Leseszenen‘ v. a. im Werk Ernaux’ mit einem Seitenblick auf deutsche Autorinnen und stellt Überlegungen zu möglichen Erklärungen für die (v. a. genderspezifischen) Differenzen an.