Die zunehmende Digitalisierung hat im Gesundheitswesen das Marktgeschehen grundlegend verändert: Onlineterminvereinbarungsplattformen wie Doctolib, Jameda oder Dr. Flex nehmen eine zentrale Rolle ein. Dieses Kapitel untersucht, wie die Plattformökonomie den Zugang zu Arztterminen steuert und welche Konsequenzen dies für Leistungserbringer und Patienten hat. Zielsetzung des Kapitels ist es, die Auswirkungen auf Patientenmix, Wartezeiten und Marktdynamik empirisch zu erfassen und Handlungsempfehlungen abzuleiten. Die Analyse basiert auf einer Kombination aus Literaturrecherche, Marktübersicht ausgewählter Onlineterminbuchungsanbieter und einer eigenen Querschnittsstudie: In sechs Städten wurden jeweils 13 Fachabteilungen (insgesamt 156 Datenpunkte) auf Jameda und Doctolib hinsichtlich ihrer Marktdurchdringung und Wartezeiten für privat und gesetzlich Versicherte untersucht. Ergänzend flossen Erkenntnisse aus Feldexperimenten zur diskriminierenden Terminvergabe und Modellvorstellungen zur Nutzenoptimierung von Arztpraxen und MVZ ein. Der Marktüberblick zeigt, dass Doctolib mit 410.000 europaweit angebundenen Arztpraxen der dominierende Anbieter ist, während Jameda mit 15.000 in Deutschland vorn liegt. In der Querschnittstudie ergab sich eine längere Wartezeit von 18,5 bis 23 Tagen für gesetzlich Versicherte im Vergleich zu Privatpatienten – ein Hinweis auf eine gezielte Patientenselektion. Feldexperimente bestätigen, dass neben der systemisch bedingten ungleichen Vergütung die Plattformkosten und das datengestützte Marketing zu einer stärkeren Bevorzugung Privatversicherter führen. Ferner etablieren sich ausgeprägte Lock-In- und Draw-In-Effekte: Praxen werden in Abhängigkeiten gedrängt, und sich nicht anschließende Praxen verlieren an Sichtbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Sowohl Ärzte als auch Patienten benötigen digitales Empowerment: Praxen sollten alternative Buchungssysteme prüfen, klare Qualitäts- und Datenschutzkriterien definieren und ihre Terminpolitik transparent kommunizieren. Patienten sind aufgerufen, die Plattformnutzung kritisch zu hinterfragen und Informationsangebote zu vergleichen. Regulierende Stellen sollten Rahmenbedingungen schaffen, um diskriminierende Anreize zu minimieren und eine ausgewogene Versorgungssteuerung sicherzustellen.

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Plattformökonomie im Gesundheitswesen – wie digitale Terminvereinbarung das Empowerment von Leistungserbringern und Patienten beeinflusst

  • Cordula Kreuzenbeck

摘要

Die zunehmende Digitalisierung hat im Gesundheitswesen das Marktgeschehen grundlegend verändert: Onlineterminvereinbarungsplattformen wie Doctolib, Jameda oder Dr. Flex nehmen eine zentrale Rolle ein. Dieses Kapitel untersucht, wie die Plattformökonomie den Zugang zu Arztterminen steuert und welche Konsequenzen dies für Leistungserbringer und Patienten hat. Zielsetzung des Kapitels ist es, die Auswirkungen auf Patientenmix, Wartezeiten und Marktdynamik empirisch zu erfassen und Handlungsempfehlungen abzuleiten. Die Analyse basiert auf einer Kombination aus Literaturrecherche, Marktübersicht ausgewählter Onlineterminbuchungsanbieter und einer eigenen Querschnittsstudie: In sechs Städten wurden jeweils 13 Fachabteilungen (insgesamt 156 Datenpunkte) auf Jameda und Doctolib hinsichtlich ihrer Marktdurchdringung und Wartezeiten für privat und gesetzlich Versicherte untersucht. Ergänzend flossen Erkenntnisse aus Feldexperimenten zur diskriminierenden Terminvergabe und Modellvorstellungen zur Nutzenoptimierung von Arztpraxen und MVZ ein. Der Marktüberblick zeigt, dass Doctolib mit 410.000 europaweit angebundenen Arztpraxen der dominierende Anbieter ist, während Jameda mit 15.000 in Deutschland vorn liegt. In der Querschnittstudie ergab sich eine längere Wartezeit von 18,5 bis 23 Tagen für gesetzlich Versicherte im Vergleich zu Privatpatienten – ein Hinweis auf eine gezielte Patientenselektion. Feldexperimente bestätigen, dass neben der systemisch bedingten ungleichen Vergütung die Plattformkosten und das datengestützte Marketing zu einer stärkeren Bevorzugung Privatversicherter führen. Ferner etablieren sich ausgeprägte Lock-In- und Draw-In-Effekte: Praxen werden in Abhängigkeiten gedrängt, und sich nicht anschließende Praxen verlieren an Sichtbarkeit und Wettbewerbsfähigkeit. Sowohl Ärzte als auch Patienten benötigen digitales Empowerment: Praxen sollten alternative Buchungssysteme prüfen, klare Qualitäts- und Datenschutzkriterien definieren und ihre Terminpolitik transparent kommunizieren. Patienten sind aufgerufen, die Plattformnutzung kritisch zu hinterfragen und Informationsangebote zu vergleichen. Regulierende Stellen sollten Rahmenbedingungen schaffen, um diskriminierende Anreize zu minimieren und eine ausgewogene Versorgungssteuerung sicherzustellen.