Unpacking Abuse: Constitutional Identity as a Legal Argument in Illiberal Regimes
摘要
This contribution examines the evolving role of constitutional identity in the European legal order, distinguishing its legitimate function as a safeguard of national constitutional autonomy from its instrumentalization in illiberal regimes. While Article 4(2) TEU enshrines respect for national identities, recent case law from Poland and Hungary reveals how this principle can be weaponised to shield systemic rule of law violations and resist supranational oversight. The contribution proposes a structured framework for identifying abusive invocations of constitutional identity based on three interrelated criteria: source and content, actor and procedure, and purpose and effect. It argues that claims resting on vague, extra-constitutional references and issued by politically captured courts without dialogue or proportionality analysis should be presumed abusive. At the same time, the contribution defends the continued relevance of constitutional identity as a dialogical and proportionate response to exceptional supranational interference. Reclaiming – not rejecting – constitutional identity is essential to preserving both national constitutional pluralism and the integrity of the European rule of law. Dieser Beitrag analysiert die sich wandelnde Bedeutung der verfassungsrechtlichen Identität innerhalb der europäischen Rechtsordnung und differenziert dabei zwischen ihrer legitimen Funktion als Schutz nationaler verfassungsrechtlicher Autonomie und ihrer missbräuchlichen Instrumentalisierung durch illiberale Regime. Art. 4 Abs. 2 EUV, der den Respekt für nationale Identitäten festschreibt, verdeutlicht anhand der jüngsten Rechtsprechung aus Polen und Ungarn, wie dieses Prinzip missbraucht werden kann, um systematische Rechtsstaatsverletzungen zu verschleiern und sich der supranationalen Kontrolle zu entziehen. Der Beitrag schlägt einen strukturierten Rahmen zur Identifizierung missbräuchlicher Berufungen auf die Verfassungsidentität vor, der auf drei miteinander verbundenen Kriterien basiert: Quelle und Inhalt, Akteur und Verfahren sowie Zweck und Wirkung. Er argumentiert, dass Ansprüche, die sich auf vage, außerhalb des Verfassungsrechts liegende Bezüge stützen und von politisch beeinflussten Gerichten ohne Dialog oder Verhältnismäßigkeitsprüfung getroffen werden, als missbräuchlich zu bewerten sind. Gleichzeitig verteidigt der Artikel die fortbestehende Relevanz der Verfassungsidentität als dialogische und verhältnismäßige Reaktion auf außergewöhnliche supranationale Eingriffe. Die Rückgewinnung – nicht die Ablehnung – der verfassungsrechtlichen Identität ist entscheidend für den Erhalt sowohl des nationalen verfassungsrechtlichen Pluralismus als auch der Integrität der europäischen Rechtsstaatlichkeit.