Was ist Film? Erwartet man von einer Philosophie des Films immer auch eine Antwort auf diese fundamentale Frage nach der spezifischen „Seinsweise“ des Films, die ihn von anderen Künsten und Medien unterscheidet, so mag es einigermaßen erstaunen, dass der erste Entwurf einer solchen Ontologie des Films nicht von einem Philosophen stammt, sondern von einem Filmkritiker. Zusätzliche Verwirrung mag auch die Tatsache stiften, dass André Bazin im Titel seines klassischen Textes aus dem Jahr 1945 nicht wie erwartbar von einer „Ontologie des filmischen Bildes“, sondern von einer „Ontologie des photographischen Bildes“ (Bazin 2004: 33) spricht und damit schon implizit auf die Spannung zwischen Stillstand und Bewegung, dem stillgestellten fotografischen und dem bewegten kinematografischen Bild verweist, die der Seinsweise des Films eingeschrieben ist. Bazin an den Beginn einer kurzen Skizze film‐philosophischer Perspektiven zu stellen, impliziert bereits die Voraussetzung, dass keine klaren disziplinären Abgrenzungen zwischen Film‐Philosophie, Filmtheorie und Filmkritik gezogen werden können; die Film‐Philosophie also keineswegs die Domäne einer akademischen Fachphilosophie ist, wie auch die Ontologie des Films eine medial unreine Ontologie ist, die aus Bazins Sicht von der Ontologie der Fotografie nicht zu trennen ist. Was aber die genuin philosophische Dimension von Bazins Text begründet, ist sein Anspruch einer umfassenden Historisierung der Medienontologie, die die technische Erfindung von Fotografie und Film transzendiert: Wenn der Film ohne die Erfindung der Fotografie nicht zu denken ist, ist die Fotografie – so Bazins geschichtsphilosophische Pointe – nicht ohne den Bezug auf zwei archaische Bildpraktiken zu denken, von denen die erste ihren Ursprung in der altägyptischen Praxis der Mumifizierung hat und die zweite in dem katholischen Glauben an das „Acheiropoeiton“, dem nicht von Menschenhand gemachten Bild, das einen Kontaktabdruck mit einem heiligen Körper bezeugen soll. Im Grunde genommen behauptet Bazin, das niemand anderes als die alten Ägypter mit der Mumifizierung bereits eine Ur‐Fotografie vor der Fotografie erfunden haben, mittels der die Zeit angehalten wird und der Körper durch die chemische Stillstellung jenes Moments, in dem die Leiche noch nicht dem Verfall preisgegeben ist, die Leiche also noch quasi lebendig ist, gleichsam wie ein fotografischer Augenblick fixiert wird. In der Mumie wird die Leiche zu einem Bild des Körpers und trennt sich damit als Zeichen von dem originalen Modell, aber zugleich fällt das Bild existenziell mit dem Körper zusammen und teilt die gleiche materielle Substanz.

错误:搜索内容不能为空,请输入英文关键词
错误:关键词超出字数限制,请精简
高级检索

Film-Philosophie: Bewegung im Stillstand

  • Sulgi Lie

摘要

Was ist Film? Erwartet man von einer Philosophie des Films immer auch eine Antwort auf diese fundamentale Frage nach der spezifischen „Seinsweise“ des Films, die ihn von anderen Künsten und Medien unterscheidet, so mag es einigermaßen erstaunen, dass der erste Entwurf einer solchen Ontologie des Films nicht von einem Philosophen stammt, sondern von einem Filmkritiker. Zusätzliche Verwirrung mag auch die Tatsache stiften, dass André Bazin im Titel seines klassischen Textes aus dem Jahr 1945 nicht wie erwartbar von einer „Ontologie des filmischen Bildes“, sondern von einer „Ontologie des photographischen Bildes“ (Bazin 2004: 33) spricht und damit schon implizit auf die Spannung zwischen Stillstand und Bewegung, dem stillgestellten fotografischen und dem bewegten kinematografischen Bild verweist, die der Seinsweise des Films eingeschrieben ist. Bazin an den Beginn einer kurzen Skizze film‐philosophischer Perspektiven zu stellen, impliziert bereits die Voraussetzung, dass keine klaren disziplinären Abgrenzungen zwischen Film‐Philosophie, Filmtheorie und Filmkritik gezogen werden können; die Film‐Philosophie also keineswegs die Domäne einer akademischen Fachphilosophie ist, wie auch die Ontologie des Films eine medial unreine Ontologie ist, die aus Bazins Sicht von der Ontologie der Fotografie nicht zu trennen ist. Was aber die genuin philosophische Dimension von Bazins Text begründet, ist sein Anspruch einer umfassenden Historisierung der Medienontologie, die die technische Erfindung von Fotografie und Film transzendiert: Wenn der Film ohne die Erfindung der Fotografie nicht zu denken ist, ist die Fotografie – so Bazins geschichtsphilosophische Pointe – nicht ohne den Bezug auf zwei archaische Bildpraktiken zu denken, von denen die erste ihren Ursprung in der altägyptischen Praxis der Mumifizierung hat und die zweite in dem katholischen Glauben an das „Acheiropoeiton“, dem nicht von Menschenhand gemachten Bild, das einen Kontaktabdruck mit einem heiligen Körper bezeugen soll. Im Grunde genommen behauptet Bazin, das niemand anderes als die alten Ägypter mit der Mumifizierung bereits eine Ur‐Fotografie vor der Fotografie erfunden haben, mittels der die Zeit angehalten wird und der Körper durch die chemische Stillstellung jenes Moments, in dem die Leiche noch nicht dem Verfall preisgegeben ist, die Leiche also noch quasi lebendig ist, gleichsam wie ein fotografischer Augenblick fixiert wird. In der Mumie wird die Leiche zu einem Bild des Körpers und trennt sich damit als Zeichen von dem originalen Modell, aber zugleich fällt das Bild existenziell mit dem Körper zusammen und teilt die gleiche materielle Substanz.