Der Beitrag untersucht anhand eines breitgefächerten Korpus von autobiographischen Zeugnissen aus Ruanda die Bezugnahme, die überlebende Tutsi nach ihrer Befreiung zur Shoah herstellten, um sich selbst einen historischen und existentiellen Orientierungsrahmen zu geben. In einem ersten Schritt rückt die ruandische Übernahme des Konzepts der „Gerechten unter den Völkern“ ins Zentrum, das von Yad Vashem initiiert wurde und im Rahmen einer Politik der ‚Versöhnung‘ in Ruanda nach 1994 neue Akzente bekam. Das ‚Mémorial de la Shoah‘ in Paris unterstützte das, was hier als ‚konfluierende‘ Erinnerung bezeichnet werden soll – eine Erinnerung, die sich implizit gegen das Vorherrschen des ‚Konfligierenden‘ bzw. ‚Konkurrierenden‘ stellte –, indem es anlässlich des 30. Jahrestags des Tutsizids direkt unter den Tafeln für die ‚Gerechten unter den Völkern‘ während der Shoah eine Ausstellung über Ruanda organisierte. Gedenkbrücken zwischen den beiden Katastrophen wurden aber auch von einzelnen Überlebenden geschlagen. Als ein paradigmatisches Beispiel für eine größere Tendenz rückt im folgenden Beitrag der ruandische Überlebende Révérien Rurangwa ins Zentrum, der durch eine Vielzahl von para- und intertextuellen Bezügen seine existentielle Verbindung zum Schicksal der europäischen Jüd*innen während des Zweiten Weltkriegs unterstreicht. Seine Lektüren und Kenntnisse bezüglich der Shoah erweisen sich als ausgedehnt. Der dritte und letzte Teil der Überlegungen ist Gemeinsamkeiten in der Weitergabe von Erinnerungen an die kommenden Generationen gewidmet. Die Ruanderin Annick Kayitesi-Jozan reflektiert über Schwierigkeiten, gegenüber ihren eigenen Kindern Zeugnis abzulegen, während Simone Veil als Auschwitz-Überlebende mit der ruandischen Psychotherapeutin Esther Mujawayo in Austausch trat. Diesen beiden Frauen ging es gleichfalls um eine gegenseitige Unterstützung und zugleich um die Frage nach der Verhinderung künftiger Genozide. Das ‚Nie wieder Auschwitz!‘ sollte hier einmal mehr bekräftigt werden.

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Erinnerungen des „Dazwischen“. Zum erinnerungspolitischen Umgang mit dem Genozid an den Tutsi Ruandas im Kontext des Shoah-Gedenkens

  • Anne D. Peiter

摘要

Der Beitrag untersucht anhand eines breitgefächerten Korpus von autobiographischen Zeugnissen aus Ruanda die Bezugnahme, die überlebende Tutsi nach ihrer Befreiung zur Shoah herstellten, um sich selbst einen historischen und existentiellen Orientierungsrahmen zu geben. In einem ersten Schritt rückt die ruandische Übernahme des Konzepts der „Gerechten unter den Völkern“ ins Zentrum, das von Yad Vashem initiiert wurde und im Rahmen einer Politik der ‚Versöhnung‘ in Ruanda nach 1994 neue Akzente bekam. Das ‚Mémorial de la Shoah‘ in Paris unterstützte das, was hier als ‚konfluierende‘ Erinnerung bezeichnet werden soll – eine Erinnerung, die sich implizit gegen das Vorherrschen des ‚Konfligierenden‘ bzw. ‚Konkurrierenden‘ stellte –, indem es anlässlich des 30. Jahrestags des Tutsizids direkt unter den Tafeln für die ‚Gerechten unter den Völkern‘ während der Shoah eine Ausstellung über Ruanda organisierte. Gedenkbrücken zwischen den beiden Katastrophen wurden aber auch von einzelnen Überlebenden geschlagen. Als ein paradigmatisches Beispiel für eine größere Tendenz rückt im folgenden Beitrag der ruandische Überlebende Révérien Rurangwa ins Zentrum, der durch eine Vielzahl von para- und intertextuellen Bezügen seine existentielle Verbindung zum Schicksal der europäischen Jüd*innen während des Zweiten Weltkriegs unterstreicht. Seine Lektüren und Kenntnisse bezüglich der Shoah erweisen sich als ausgedehnt. Der dritte und letzte Teil der Überlegungen ist Gemeinsamkeiten in der Weitergabe von Erinnerungen an die kommenden Generationen gewidmet. Die Ruanderin Annick Kayitesi-Jozan reflektiert über Schwierigkeiten, gegenüber ihren eigenen Kindern Zeugnis abzulegen, während Simone Veil als Auschwitz-Überlebende mit der ruandischen Psychotherapeutin Esther Mujawayo in Austausch trat. Diesen beiden Frauen ging es gleichfalls um eine gegenseitige Unterstützung und zugleich um die Frage nach der Verhinderung künftiger Genozide. Das ‚Nie wieder Auschwitz!‘ sollte hier einmal mehr bekräftigt werden.