Erinnern als performativer Akt: Sprachliche Konstruktionen von Rechtfertigung und Schuld innerhalb komplexer Gedächtnisstrukturen in Bernhard Schlinks Der Vorleser
摘要
In Bernhard Schlinks Der Vorleser wird die Erinnerung als aktiver, performativer Prozess dargestellt, durch den Michael Berg die intergenerationelle Schuld der NS-Vergangenheit verhandelt. Die Beziehung zur Tätergeneration wird in einem Spannungsfeld aus moralischer Abgrenzung und emotionaler Verstrickung verortet, das die NS-Vergangenheit als dynamisches Erbe der Nachkriegsgeneration etabliert. So formt das Erinnern eine Identität, die kollektive Verantwortung und subjektive Distanzierung in einem performativen Wechselspiel miteinander verbindet. Die Analyse folgt einem hermeneutisch-interpretativen Verfahren, das auf einer performativitätstheoretischen Grundlage basiert. Methodisch stützt sich der Beitrag auf die Sprechakttheorie John L. Austins sowie auf Judith Butlers Theorie der Performativität, um literarische Erinnerung nicht als statisches Abbild der Vergangenheit, sondern als sprachlich konstituierten Akt der Gegenwartsverhandlung zu erfassen. In Verbindung mit der kulturwissenschaftlichen Gedächtnistheorie – insbesondere den Konzepten des kollektiven und kulturellen Gedächtnisses nach Aleida Assmann – wird gezeigt, wie Erinnerung moralische Selbstverortung und historische Verantwortung zugleich erzeugt und reflektiert. Dabei zeigt sich deutlich, dass literarisches Erinnern nicht nur retrospektiv rekonstruiert, sondern als ethische Praxis der Gegenwart normativ konfiguriert wird.