Menschliches, Allzumenschliches als Denkmal einer Krisis
摘要
Im Falle Nietzsches konkretisiert sich die Hinwendung zur Politischen Philosophie in der Lebenskrise der Jahre 1876–1878. Ausgangspunkt ist die Abkehr von Wagners tragischer Weltanschauung, die im Glauben wurzelt, alles Lebende leide ewig, unverschuldet und ohne Rechtfertigung. Wagner versucht, diese desaströse Seinsdiagnose durch trostspendende Verschönerungen der Kunst erträglich zu machen. In der Wagner gewidmeten Geburt der Tragödie (1872) verdichtet Nietzsche den schrecklichen Urzustand zur ›Weisheit des Silen‹ und behauptet, dass das Dasein nur als ästhetisches Phänomen gerechtfertigt ist. Die glühende Anhängerschaft ist allerdings von kurzer Dauer. Nietzsche erkennt den idealistischen Irrtum als moralische Entrüstung, die Mensch und Welt erst als defizitär und erlösungsbedürftig ausweist. Die Einsicht in diesen Irrtum führt zum Schiffbruch seiner ›ersten Seefahrt‹ und zwingt ihn, sein Leben neu zu bestimmen. Er begreift, dass Wissen darüber, wie er leben soll, nur in der Auseinandersetzung mit den menschlichen Angelegenheiten zu gewinnen ist. In dieser Bewegung schließt Nietzsche an das sokratische Modell an und bricht zu seiner ›zweiten Seefahrt‹ im Zeichen der Politischen Philosophie auf. Menschliches wird so zum Denkmal einer existentiellen Krise wie eines philosophischen Neubeginns, in dem Nietzsche die Bedingungen des philosophischen Lebens erstmals in wissenschaftlicher Strenge und psychologischer Genauigkeit bestimmt.