In der Zeit um 1850 macht sich der Dramatiker und Theaterdirektor Franz von Dingelstedt Notizen zu einem unrealisiert gebliebenen Projekt eines „Politischen Faust“, unter denen sich u. a. die Idee findet, die „Walpurgisnacht im Meßkatalog“ stattfinden zu lassen. Da es Dingelstedt unterlassen hat, diesen Gedanken weiter auszuführen, kann lediglich vermutet werden, dass eine solche – in der deutschsprachigen Literatur wohl singuläre – Dramatisierung des Messkatalogs in der buchstäblichen Verkörperung realer oder fiktiver Büchertitel bestanden hätte, die durch Schauspielerinnen und Schauspieler auf die Bühne gebracht worden wären. Was auf den ersten Blick wie eine dramatische Variante des Bücherschlacht-Sujets anmutet, das mit Jonathan Swifts berühmter Satire aus der Zeit um 1700 das Konzept einer allegorischen Verwandlung von Büchern in ihre Autoren ins Zentrum rückt und mit der Absicht eines satirischen Zeitkommentars zu aktuellen Positionierungskämpfen im intellektuellen Diskurs verschränkt, differiert von dieser Vorlage und ihren zahllosen Variationen, die sie quer durch die europäische Literatur gefunden hat, doch in einem entscheidenden Punkt. Swift und das Gros seiner Nachahmer hatten nämlich klassische Gelehrtensatiren vor der Folie der Querelle des Anciens et des Modernes verfasst, deren Allegorese den tradierten Wissensraum der Bibliothek voraussetzt, um einen sinnbildlichen Kampfplatz der Ideen zu eröffnen. Während auf diesem die diachrone Traditionsbildung der Res Publica Litteraria mit ihren synchronen Aktualisierungen konfrontiert wird, verweist eine Verlebendigung des jüngsten Messkatalogs auf etwas anderes: Nicht nur, dass hier in einer Potenzierung der Verweisstrukturen keineswegs Bücher, sondern deren bibliographischen Substitute – und damit auch keine Texte, sondern lediglich Paratexte, die mediale Artefakte referenzieren – verlebendigt worden wären; die Allegorie hätte mit der Wahl eines buchhändlerischen Warenverzeichnisses auch den vorgeblichen Kampf der Ideen unweigerlich mit einem ökonomischen Vorzeichen versehen und folglich als einen Kampf um literarische Marktpositionen sichtbar gemacht, der bei Dingelstedt notabene nicht einmal mehr als agonale Schlacht, sondern nur noch als kakophonisch-chaotische Szenerie auf dem Blocksberg konzipiert erscheint.

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Schluss

  • Michael Pilz

摘要

In der Zeit um 1850 macht sich der Dramatiker und Theaterdirektor Franz von Dingelstedt Notizen zu einem unrealisiert gebliebenen Projekt eines „Politischen Faust“, unter denen sich u. a. die Idee findet, die „Walpurgisnacht im Meßkatalog“ stattfinden zu lassen. Da es Dingelstedt unterlassen hat, diesen Gedanken weiter auszuführen, kann lediglich vermutet werden, dass eine solche – in der deutschsprachigen Literatur wohl singuläre – Dramatisierung des Messkatalogs in der buchstäblichen Verkörperung realer oder fiktiver Büchertitel bestanden hätte, die durch Schauspielerinnen und Schauspieler auf die Bühne gebracht worden wären. Was auf den ersten Blick wie eine dramatische Variante des Bücherschlacht-Sujets anmutet, das mit Jonathan Swifts berühmter Satire aus der Zeit um 1700 das Konzept einer allegorischen Verwandlung von Büchern in ihre Autoren ins Zentrum rückt und mit der Absicht eines satirischen Zeitkommentars zu aktuellen Positionierungskämpfen im intellektuellen Diskurs verschränkt, differiert von dieser Vorlage und ihren zahllosen Variationen, die sie quer durch die europäische Literatur gefunden hat, doch in einem entscheidenden Punkt. Swift und das Gros seiner Nachahmer hatten nämlich klassische Gelehrtensatiren vor der Folie der Querelle des Anciens et des Modernes verfasst, deren Allegorese den tradierten Wissensraum der Bibliothek voraussetzt, um einen sinnbildlichen Kampfplatz der Ideen zu eröffnen. Während auf diesem die diachrone Traditionsbildung der Res Publica Litteraria mit ihren synchronen Aktualisierungen konfrontiert wird, verweist eine Verlebendigung des jüngsten Messkatalogs auf etwas anderes: Nicht nur, dass hier in einer Potenzierung der Verweisstrukturen keineswegs Bücher, sondern deren bibliographischen Substitute – und damit auch keine Texte, sondern lediglich Paratexte, die mediale Artefakte referenzieren – verlebendigt worden wären; die Allegorie hätte mit der Wahl eines buchhändlerischen Warenverzeichnisses auch den vorgeblichen Kampf der Ideen unweigerlich mit einem ökonomischen Vorzeichen versehen und folglich als einen Kampf um literarische Marktpositionen sichtbar gemacht, der bei Dingelstedt notabene nicht einmal mehr als agonale Schlacht, sondern nur noch als kakophonisch-chaotische Szenerie auf dem Blocksberg konzipiert erscheint.