Am Beispiel der Übersetzungen lateinischer Dichtung durch Michel de Marolles (1600–1681), einer umtriebigen Randfigur des literarischen Feldes im Kontext der Querelles des Anciens et des Modernes, untersucht der Beitrag das Verhältnis von Ästhetik und Politik (im Sinne Rancières), das sich in der Rede über die Differenz von Prosa und Vers manifestiert. Während Marolles zunächst ‚treue‘ Übersetzungen antiker Dichtung in Prosa zum Zwecke soziokultureller Teilhabe anfertigt, experimentiert er in den 1660er Jahren mit Mischungen von Prosa und Vers und begibt sich damit dezidiert außerhalb der Ordnung. In einem Akt der Emanzipation von übersetzerischer Dienstbarkeit (fidelité) fertigt er schließlich Versübersetzungen an und beansprucht damit den Status des Dichters. Die typographischen Unterschiede zwischen lateinischem Vers und seiner Prosa-Übersetzung von Horaz’ Satire 1.4, die ihrerseits die Differenz von Prosa und Vers reflektiert, veranschaulichen einerseits den Akt der Ordnung: die Transformation überbordender Verse und fragmentierter Syntax in strukturierte französische Prosa – einschließlich der zitierten, (ein)geordneten Verse des Ennius. Andererseits tritt in der Segmentierung der lateinischen disiecta membra des Horaz eine Gegenästhetik hervor, die sich der Aufteilung des Sinnlichen widersetzt.

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Vers la prose (ou l’inverse)? Zur Interferenz von Prosa und Vers in Michel de Marolles’ Übersetzungen antiker Dichtung

  • Daniel Wendt

摘要

Am Beispiel der Übersetzungen lateinischer Dichtung durch Michel de Marolles (1600–1681), einer umtriebigen Randfigur des literarischen Feldes im Kontext der Querelles des Anciens et des Modernes, untersucht der Beitrag das Verhältnis von Ästhetik und Politik (im Sinne Rancières), das sich in der Rede über die Differenz von Prosa und Vers manifestiert. Während Marolles zunächst ‚treue‘ Übersetzungen antiker Dichtung in Prosa zum Zwecke soziokultureller Teilhabe anfertigt, experimentiert er in den 1660er Jahren mit Mischungen von Prosa und Vers und begibt sich damit dezidiert außerhalb der Ordnung. In einem Akt der Emanzipation von übersetzerischer Dienstbarkeit (fidelité) fertigt er schließlich Versübersetzungen an und beansprucht damit den Status des Dichters. Die typographischen Unterschiede zwischen lateinischem Vers und seiner Prosa-Übersetzung von Horaz’ Satire 1.4, die ihrerseits die Differenz von Prosa und Vers reflektiert, veranschaulichen einerseits den Akt der Ordnung: die Transformation überbordender Verse und fragmentierter Syntax in strukturierte französische Prosa – einschließlich der zitierten, (ein)geordneten Verse des Ennius. Andererseits tritt in der Segmentierung der lateinischen disiecta membra des Horaz eine Gegenästhetik hervor, die sich der Aufteilung des Sinnlichen widersetzt.