Dreizehnte Lesewerkstatt – Wie wirken Wunder?
摘要
Um die empirische Literaturwissenschaft vorzuführen, zeigt die dreizehnte Lesewerkstatt am Beispiel von zwei EEG‐Studien zur Verarbeitung ‚wunderbarer‘ Textelemente, wie literaturwissenschaftliche Fragen im Labor experimentell beantwortet werden können. Im Fokus stehen sogenannte ‚minimal kontraintuitive Konzepte‘ (MCI), die in Märchen und Mythen verbreitet sind, zum Beispiel sprechende Tiere oder belebte Gegenstände. Die Studien zeigen, dass emotionale Kontexte und der sprachliche Stil die kognitive Verarbeitung erfahrungswidriger, unrealistischer Inhalte erleichtern, messbar am verringerten Prozessierungsaufwand im Gehirn (geringere Amplitude nach 400 Millisekunden im EEG, sogenannte ‚N400‘). Emotionen wirken dabei als „Anästhetikum“ und können die kritische Distanz gegenüber Unwahrem verringern, während ein märchenhafter Stil die Rezeptionshaltung auf einen fiktionalen Modus umstellt. Die Ergebnisse verdeutlichen, wie Affekt und Stil auf die Wahrnehmung wirken, und liefern Erklärungsansätze für den kulturhistorischen Erfolg von literarischen Gattungen, in denen Wunder vorkommen, aber auch von religiösen Geschichten und politischen Manipulationen. Sie helfen uns zu verstehen, unter welchen Bedingungen fake news, kontrafaktische Narrative und Verschwörungserzählungen eingängig wirken – und wie wir uns dagegen wappnen können.