Warum dichten die Menschen? Was ist Lyrik? Und wozu brauchen wir sie? Lyrische Elemente gibt es bereits in Drama und Epos: in Chorliedern der antiken Tragödie und in der Versform der homerischen Epen. Die Neurowissenschaft hat auf den Rhythmus der Atmung und das Kurzzeitgedächtnis hingewiesen, nach denen sich die Form des Verses richtet. Nach Roman Jakobsons Definition stellt die Lyrik verdichtete Äquivalenzen auf verschiedenen Ebenen her: unter anderem durch klangliche und rhythmische Entsprechungen (Reim, Versfuß und Versmaß), durch die Komposition von Vers, Strophe und Gedicht – wie etwa in der geregelten Abfolge der formalen Elemente in der Gedichtgattung des Sonetts. In William Shakespeares Romeo und Julia sprechen die Titelfiguren, als sie sich begegnen und ‚verlieben‘, gemeinsam ein solches Gedicht: in 14 Versen vom ersten Wort bis zum ersten Kuss. Die lyrische Form gibt das Verhalten vor – und das Gefühl. An Friedrich Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“ können wir (mit Winfried Menninghaus) die Semantik der lyrischen Form auf die Metrik ausweiten (auf den Versfuß Adoneus und auf die sapphische Strophe). Die (deutsche) Literaturgeschichte wird abschließend als Lyrikgeschichte rekapituliert.

错误:搜索内容不能为空,请输入英文关键词
错误:关键词超出字数限制,请精简
高级检索

Elfter Theoriekurs – Lyrisch lesen

  • Oliver Lubrich,
  • Thomas Nehrlich

摘要

Warum dichten die Menschen? Was ist Lyrik? Und wozu brauchen wir sie? Lyrische Elemente gibt es bereits in Drama und Epos: in Chorliedern der antiken Tragödie und in der Versform der homerischen Epen. Die Neurowissenschaft hat auf den Rhythmus der Atmung und das Kurzzeitgedächtnis hingewiesen, nach denen sich die Form des Verses richtet. Nach Roman Jakobsons Definition stellt die Lyrik verdichtete Äquivalenzen auf verschiedenen Ebenen her: unter anderem durch klangliche und rhythmische Entsprechungen (Reim, Versfuß und Versmaß), durch die Komposition von Vers, Strophe und Gedicht – wie etwa in der geregelten Abfolge der formalen Elemente in der Gedichtgattung des Sonetts. In William Shakespeares Romeo und Julia sprechen die Titelfiguren, als sie sich begegnen und ‚verlieben‘, gemeinsam ein solches Gedicht: in 14 Versen vom ersten Wort bis zum ersten Kuss. Die lyrische Form gibt das Verhalten vor – und das Gefühl. An Friedrich Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“ können wir (mit Winfried Menninghaus) die Semantik der lyrischen Form auf die Metrik ausweiten (auf den Versfuß Adoneus und auf die sapphische Strophe). Die (deutsche) Literaturgeschichte wird abschließend als Lyrikgeschichte rekapituliert.