Die zehnte Lesewerkstatt analysiert Heinrich von Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ (1811) aus postkolonialer Perspektive. Der Text scheint koloniale Denkstrukturen anfangs zu bestätigen, indem er rassistische Stereotype reproduziert. Im Verlauf der Handlung wird die diskriminierende Darstellung jedoch zunehmend unterlaufen. Figuren wie Toni und Congo Hoango destabilisieren die vermeintliche Unterscheidbarkeit von „schwarz“ und „weiß“; Hautfarbe wird von einem essenziellen Merkmal zu einer sozialen, politischen und psychischen Konstruktion. Die Erzählung zeigt den Kolonialismus als zerstörerisches System, das Misstrauen, Unverständnis und Gewalt hervorbringt und Vertrauen und Liebe unmöglich macht. Kleists Darstellung der Kolonie ist weder neutral, ideologisch noch instrumentell, sondern kehrt die Perspektive auf Fremdheit um, indem der europäische Protagonist Gustav von den fokalisierten nicht‐weißen Figuren als der „Fremde“ wahrgenommen wird. Mit dem katastrophalen Ende verweigert Kleists Erzählung eine utopische Harmonie zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten. Der Text deckt kolonialistische Muster auf, schildert sie aber pessimistisch als unauflösbaren Konflikt.

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Zehnte Lesewerkstatt – Wie kolonialistisch ist „Die Verlobung in St. Domingo“?

  • Oliver Lubrich,
  • Thomas Nehrlich

摘要

Die zehnte Lesewerkstatt analysiert Heinrich von Kleists Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ (1811) aus postkolonialer Perspektive. Der Text scheint koloniale Denkstrukturen anfangs zu bestätigen, indem er rassistische Stereotype reproduziert. Im Verlauf der Handlung wird die diskriminierende Darstellung jedoch zunehmend unterlaufen. Figuren wie Toni und Congo Hoango destabilisieren die vermeintliche Unterscheidbarkeit von „schwarz“ und „weiß“; Hautfarbe wird von einem essenziellen Merkmal zu einer sozialen, politischen und psychischen Konstruktion. Die Erzählung zeigt den Kolonialismus als zerstörerisches System, das Misstrauen, Unverständnis und Gewalt hervorbringt und Vertrauen und Liebe unmöglich macht. Kleists Darstellung der Kolonie ist weder neutral, ideologisch noch instrumentell, sondern kehrt die Perspektive auf Fremdheit um, indem der europäische Protagonist Gustav von den fokalisierten nicht‐weißen Figuren als der „Fremde“ wahrgenommen wird. Mit dem katastrophalen Ende verweigert Kleists Erzählung eine utopische Harmonie zwischen Kolonisierenden und Kolonisierten. Der Text deckt kolonialistische Muster auf, schildert sie aber pessimistisch als unauflösbaren Konflikt.