Zehnter Theoriekurs – Postkolonial lesen
摘要
Der Begriff „Kolonialismus“ kommt vom lateinischen Wort colere, beackern, besiedeln: Von ihm leiten sich der Kult (cultus) und die Kultur (cultura) sowie die Kolonie (colonia) ab. Postkolonialismus ist die kritische Revision des Kolonialismus und seiner kulturellen Zeugnisse und ideologischen Folgen. Nach V. Y. Mudimbe beginnt seine Geschichte in der griechischen und römischen Antike, wo sich ein langfristiges Muster der Fremdwahrnehmung ausbildete. Vorläufer heutiger postkolonialer Debatten sind die Beiträge zum lateinamerikanischen Identitätsdiskurs seit den Unabhängigkeitsbewegungen der 1810er und 1820er Jahre (bei Domingo Faustino Sarmiento, Alejo Carpentier, Octavio Paz), die ‚Négritude‘‐Bewegung (Aimé Césaire, Léopold Sédar Senghor), die Theorie des ‚Doppelten Bewusstseins‘ (W. E. B. Du Bois) und die Psychoanalyse des Kolonialismus (Frantz Fanon). Für die Lektüre literarischer Texte werden vier postkoloniale Ansätze unterschieden: diskursanalytische (Edward Said, Mary Louise Pratt), typologische (Tzvetan Todorov, Stephen Greenblatt), dialektische (Alexander von Humboldt, Walter Benjamin, Russell Berman) und dekonstruktivistische (Homi Bhabha, Jacques Derrida). Auch die Literatur von Ländern ohne Kolonien hat Teil an einem imaginären Kolonialismus. Und der postkoloniale Diskurs selbst kann imperiale (anglozentrische) Züge oder antisemitische Auswüchse haben.