Sechste Lesewerkstatt – In welchen Metaphern beschreibt Ernst Jünger den Krieg?
摘要
Die sechste Lesewerkstatt untersucht Ernst Jüngers In Stahlgewittern (1920) zunächst in einer strukturalistischen und anschließend in einer dekonstruktivistischen Analyse. Jüngers Frontbericht gilt als authentische Kriegsdarstellung, welche die Fremdheitserfahrung des Kriegs an ein breites Publikum vermittelt. Er ist jedoch, wie sich schon am Titelblatt und an den Paratexten erkennen lässt, von Widersprüchen geprägt: Jünger beansprucht Sachlichkeit, lässt aber im Unklaren, inwieweit das Beschriebene auf tatsächlichen Erfahrungen beruht oder literarisch geformt ist. Der Text ist geprägt von einer dichten metaphorischen Sprache, die den Krieg als Naturereignis, Ritual, Kunstwerk oder Maschine versinnbildlicht. Insgesamt lassen sich 32 sprachliche Bildbereiche (Codes) identifizieren, die den Bericht in vier metaphorischen Feldern strukturieren (Natur, Praxis, Kultur, Person) und so konsistente Deutungsangebote machen. Allerdings erzeugen diese unterschiedlichen Bildfelder in einer dekonstruktivistischen Deutung auch widersprüchliche Aussagen – zwischen Naturalisierung, Ästhetisierung, Pragmatisierung und Personifizierung. Innerhalb einzelner und zwischen verschiedenen Bildbereichen ergeben sich widerstreitende Tendenzen mit unterschiedlichen Implikationen (zum Beispiel Krieg als Sport oder als Kampf im Tierreich). Die Kombination aus strukturalistischer und dekonstruktivistischer Analyse zeigt, wie die Metaphern von In Stahlgewittern das Unvorstellbare des Kriegs vermitteln, aber auch Ausdruck seiner Unbegreiflichkeit sind. Die Funktion der Metaphern zeigt sich eindrucksvoll in einer Episode, in der Jüngers Sprachbilder im Moment eines Granatschocks aussetzen. Extreme Kriegstraumata können literarisch nicht mehr bildlich verarbeitet werden.