Wenn wir die formalen Verfahren, welche die Rhetorik beschreibt, in ihrer Verteilung innerhalb eines Texts untersuchen, können wir dessen Struktur sehr genau beschreiben. Der Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure, Begründer des Strukturalismus, hat die Sprache als ein System aufgefasst, das weniger durch seine Entwicklung zu verstehen ist als durch das Verhältnis seiner Elemente zueinander. Zeichen sind nicht naturgegeben, Signifikant und Signifikat werden willkürlich, durch Übereinkunft und Gebrauch aufeinander bezogen. Angeregt durch Saussures Modell, betrachtet die formalistische und strukturalistische Literaturwissenschaft die relevanten Elemente eines Texts in ihren Beziehungen zueinander, entlang von Ähnlichkeiten und Gegensätzen. So hat Wladimir Propp die Morphologie des Märchens anhand wiederkehrender Figurentypen und Handlungssituationen beschrieben. Roland Barthes hat für die Dramen Racines 19 elementare, immer wieder auftauchende Komponenten identifiziert. Der Poststrukturalismus (Paul de Man, Jacques Derrida) stellt die Eindeutigkeit und Stabilität solcher Strukturen in Frage und interessiert sich stattdessen für Brüche und Widersprüche in Texten. Er beobachtet, wie Bedeutungen zugleich konstruiert und destruiert, d. h. dekonstruiert werden.

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Sechster Theoriekurs – Formal lesen

  • Oliver Lubrich,
  • Thomas Nehrlich

摘要

Wenn wir die formalen Verfahren, welche die Rhetorik beschreibt, in ihrer Verteilung innerhalb eines Texts untersuchen, können wir dessen Struktur sehr genau beschreiben. Der Schweizer Linguist Ferdinand de Saussure, Begründer des Strukturalismus, hat die Sprache als ein System aufgefasst, das weniger durch seine Entwicklung zu verstehen ist als durch das Verhältnis seiner Elemente zueinander. Zeichen sind nicht naturgegeben, Signifikant und Signifikat werden willkürlich, durch Übereinkunft und Gebrauch aufeinander bezogen. Angeregt durch Saussures Modell, betrachtet die formalistische und strukturalistische Literaturwissenschaft die relevanten Elemente eines Texts in ihren Beziehungen zueinander, entlang von Ähnlichkeiten und Gegensätzen. So hat Wladimir Propp die Morphologie des Märchens anhand wiederkehrender Figurentypen und Handlungssituationen beschrieben. Roland Barthes hat für die Dramen Racines 19 elementare, immer wieder auftauchende Komponenten identifiziert. Der Poststrukturalismus (Paul de Man, Jacques Derrida) stellt die Eindeutigkeit und Stabilität solcher Strukturen in Frage und interessiert sich stattdessen für Brüche und Widersprüche in Texten. Er beobachtet, wie Bedeutungen zugleich konstruiert und destruiert, d. h. dekonstruiert werden.