Auf die Frage „Wo stehen wir heute?“ antwortete Gottfried Benn 1952 im Rahmen einer Matinee aus Anlass der Berliner Festwochen: „Es steht jeder wo anders u wenn man sie alle zusammen übersieht, kommt man auch zu keinem Resultat.“ Wie soll man nun einem Dichter begegnen (möglicherweise zum ersten Mal), den Standpunkte im Allgemeinen überhaupt nicht, den im Grunde nur sein eigener Standpunkt als Künstler interessierte? Aber auch der wurde ihm, je älter er wurde, immer fragwürdiger. Benn setzte von Anfang an alles auf die Kunstkarte, weil er fest davon überzeugt war, dass es nach zweieinhalb Millionen Jahren Menschheits- und nach 2000 Jahren abendländischer Geschichte der Künstler als Individuum sei, dem als Letztem noch möglich wäre, Botschaften aus Reichen zu überbringen, die uns heute noch ferner sind, als sie es vor 70 Jahren bereits waren. Er nannte dies mit Bezug auf Friedrich Nietzsche „Artistenevangelium“ oder „Fanatismus zur Transzendenz“. Dem Bewusstsein, das sich an diesem Auftrag abarbeitete, erschuf er gar eine eigene Welt, die „Ausdruckswelt“, aber all das muss uns heute als historisch geworden und überholt erscheinen.

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Gottfried Benn – Leben und Werk

  • Holger Hof

摘要

Auf die Frage „Wo stehen wir heute?“ antwortete Gottfried Benn 1952 im Rahmen einer Matinee aus Anlass der Berliner Festwochen: „Es steht jeder wo anders u wenn man sie alle zusammen übersieht, kommt man auch zu keinem Resultat.“ Wie soll man nun einem Dichter begegnen (möglicherweise zum ersten Mal), den Standpunkte im Allgemeinen überhaupt nicht, den im Grunde nur sein eigener Standpunkt als Künstler interessierte? Aber auch der wurde ihm, je älter er wurde, immer fragwürdiger. Benn setzte von Anfang an alles auf die Kunstkarte, weil er fest davon überzeugt war, dass es nach zweieinhalb Millionen Jahren Menschheits- und nach 2000 Jahren abendländischer Geschichte der Künstler als Individuum sei, dem als Letztem noch möglich wäre, Botschaften aus Reichen zu überbringen, die uns heute noch ferner sind, als sie es vor 70 Jahren bereits waren. Er nannte dies mit Bezug auf Friedrich Nietzsche „Artistenevangelium“ oder „Fanatismus zur Transzendenz“. Dem Bewusstsein, das sich an diesem Auftrag abarbeitete, erschuf er gar eine eigene Welt, die „Ausdruckswelt“, aber all das muss uns heute als historisch geworden und überholt erscheinen.