Preußenadler und Löwenplakat. Gedichte von Bertolt Brecht und Reiner Kunze als ‚nackte Embleme‘
摘要
Der Beitrag stellt die Behauptung in Frage, Emblematik sei Ende des 18. Jahrhunderts im Zuge der Säkularisierung anachronistisch geworden und verschwunden. Ausgehend von zwei Gedichten Robert Gernhardts, die die Anachronismus-These parodistisch auf die emblemtypischen Verfahren Allegorese und Allegorie zuspitzen, wird zunächst ein Blick in die Gattungsgeschichte geworfen. Er zeigt, dass diese Verfahren von Anfang an unter dem Vorzeichen kreativer argutia (Scharfsinnigkeit) standen und immer weniger im Dienst der Vermittlung verbindlicher Wahrheiten. Vielmehr unterstützten Allegorie und Allegorese insbesondere in der Tradition emblematischer Bildsatire engagierte Stellungnahmen zum religiösen und politischen Meinungsstreit, und genau an diese Tradition schließt Brechts Kriegsfibel an. Um plausibel zu machen, dass auch einige bildlose Gedichte des späten Brecht sich emblematisch verstehen lassen, wird eine Reaktivierung des Begriffs emblemata nuda vorgeschlagen: ‚Nackte Embleme‘ weisen zwar keine grafischen Bilder auf, wohl aber eine verbale Entsprechung zur grafischen pictura sowie eine Passage, die der auslegenden subscriptio entspricht. Verbale pictura und subscriptio sind klar voneinander abgesetzt und markieren inhaltlich meist eine Spannung zwischen konkurrierenden Weltanschauungen oder Meinungen. Dieses Modell wird an Gedichten Brechts aus den 1950er Jahren und an Gedichten Reiner Kunzes aus den 1960er und 2010er Jahren erprobt.