Unverkennbar suchen Menschen auch heute Trost. Sie suchen diesen Trost in ihren als zunehmend schwierig erlebten Lebenslagen: Burnout, Depression, harmlose Befindlichkeitsstörung, Lebenskrisen, aus vielfältigen strukturellen Gründen heute schneller als existenziell und lebensbedrohlich wahrgenommen. Die Menschen suchen Erleichterung, Linderung, Kommunikation, eine Validierung ihrer als leidvoll oder ausweglos erlebten Lebenssituation, die sich eventuell gesundheitlich manifestiert und ihre erwartete und sozial erwünschte Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Die Medizin und die Psychotherapie zählen Trost ausdrücklich nicht zu ihren Leistungen und grenzen sich – mit Ausnahmen, von denen in dieser Veröffentlichung berichtet wird – professionell ausdrücklich von solchen Erwartungen ab. So befindet sich der spätmoderne Mensch in einer potenziert paradoxen Situation: Weder die Selbstdiagnose und -medikation noch die Konsultation eines Facharztes sind, aus unterschiedlichen Gründen, sozial erwünscht. Psychiater, Psychologen und Fachkräfte kritisieren einen Trend zur „eilfertigen Pathologisierung des Lebens“. Die Grundtatsachen des Lebens und die sich daraus ergebenden großen Fragen nach dem individuellen Umgang mit Sinnfragen, Angst und akuten Ängsten wie zum Beispiel der Klimakrise, der eigenen Freiheit und Verantwortung, der Liebe als existenzielle Erfahrung, schicksalhaften Ereignissen bedürfen der Kommunikation und tröstender Antworten. Das Bedürfnis nach Trost ist mit diesen Grundtatsachen „nicht abzuschaffen“, sondern nimmt proportional zur gesellschaftlich und kulturell wirksamen Abwehr der Wahrnehmung dieser Grundtatsachen zu.

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Die „Grundtatsachen des Lebens“

  • Beate von Devivere

摘要

Unverkennbar suchen Menschen auch heute Trost. Sie suchen diesen Trost in ihren als zunehmend schwierig erlebten Lebenslagen: Burnout, Depression, harmlose Befindlichkeitsstörung, Lebenskrisen, aus vielfältigen strukturellen Gründen heute schneller als existenziell und lebensbedrohlich wahrgenommen. Die Menschen suchen Erleichterung, Linderung, Kommunikation, eine Validierung ihrer als leidvoll oder ausweglos erlebten Lebenssituation, die sich eventuell gesundheitlich manifestiert und ihre erwartete und sozial erwünschte Leistungsfähigkeit beeinträchtigt. Die Medizin und die Psychotherapie zählen Trost ausdrücklich nicht zu ihren Leistungen und grenzen sich – mit Ausnahmen, von denen in dieser Veröffentlichung berichtet wird – professionell ausdrücklich von solchen Erwartungen ab. So befindet sich der spätmoderne Mensch in einer potenziert paradoxen Situation: Weder die Selbstdiagnose und -medikation noch die Konsultation eines Facharztes sind, aus unterschiedlichen Gründen, sozial erwünscht. Psychiater, Psychologen und Fachkräfte kritisieren einen Trend zur „eilfertigen Pathologisierung des Lebens“. Die Grundtatsachen des Lebens und die sich daraus ergebenden großen Fragen nach dem individuellen Umgang mit Sinnfragen, Angst und akuten Ängsten wie zum Beispiel der Klimakrise, der eigenen Freiheit und Verantwortung, der Liebe als existenzielle Erfahrung, schicksalhaften Ereignissen bedürfen der Kommunikation und tröstender Antworten. Das Bedürfnis nach Trost ist mit diesen Grundtatsachen „nicht abzuschaffen“, sondern nimmt proportional zur gesellschaftlich und kulturell wirksamen Abwehr der Wahrnehmung dieser Grundtatsachen zu.