Als Urform des Trostes gelten die Geburtssituation und die ersten Lebensmonate des Kleinkindes. Die jeweiligen miteinander korrespondierenden System sind anthropogenetisch im Menschen angelegt, sowohl das Bindungs- als auch das Fürsorgesystem sehr gut beforscht. Diese Antwortbeziehung wird auch als „Urform des Trostes“ und damit Trost als anthropologische Konstante definiert. Aus historischen Gründen, zusammen mit den spätmodernen Rahmenbedingungen und den zunehmenden Entfremdungserfahrungen der Menschen, liegen Trost, humane Trostfähigkeiten und überlieferte Trostpraktiken einerseits und die Trostlosigkeit der lebensfeindlichen globalen Krisen, Katastrophen und globalen Konflikte andererseits eng beieinander. In der einzelnen Person wird diese Gleichzeitigkeit als besonders schmerzlich und als Absurdität der Existenz erlebt, während weder die Bedürftigkeit und Angewiesenheit noch die erlebte Ausweglosigkeit angemessenes Gehör und Anerkennung finden. Im Alltag bahnen sich überlieferte Trostpraktiken zur individuellen Bewältigung der Krisen den Weg. Am Beispiel der zunehmenden Einsamkeit, der empirischen Forschung über die in den Generationen und individuell unterschiedlich von diesem Phänomen Betroffenen, über die Folgen dieser Befindlichkeit, über die individuellen wie politischen Bewältigungsversuche und -strategien und über den gesellschaftlichen Diskurs über dieses Thema, diagnostizieren Experten eine Parallelität von Einsamkeits- und Trostscham, die beide zusammen eine wichtige Kommunikation über die hinter der Einsamkeit liegenden Bedürfnisse des modernen Menschen verhindern. Besonders für die junge Generation ist dabei eine Chronifizierung des Einsamkeitssyndroms zu beobachten mit einem chronischen Trostdefizit in den Angeboten zur Wendung dieser Not. Dieses Defizit, die Not des anderen zu sehen, und seine von der Fachwelt diagnostizierten heutigen Auswirkungen reichen weit in die Zukunft. Der Philosoph Martin Buber erläuterte in Theorie und Praxis die existenziell im Menschen angelegte Beziehungsfähigkeit und Möglichkeit: Nur in der Beziehung zu einer anderen Person, im Du, kann sich das Ich entwickeln und erfährt gleichzeitig in dieser gelebten Beziehung Respekt, Anerkennung, Zuwendung, Trost.

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Praktiken des Trostes

  • Beate von Devivere

摘要

Als Urform des Trostes gelten die Geburtssituation und die ersten Lebensmonate des Kleinkindes. Die jeweiligen miteinander korrespondierenden System sind anthropogenetisch im Menschen angelegt, sowohl das Bindungs- als auch das Fürsorgesystem sehr gut beforscht. Diese Antwortbeziehung wird auch als „Urform des Trostes“ und damit Trost als anthropologische Konstante definiert. Aus historischen Gründen, zusammen mit den spätmodernen Rahmenbedingungen und den zunehmenden Entfremdungserfahrungen der Menschen, liegen Trost, humane Trostfähigkeiten und überlieferte Trostpraktiken einerseits und die Trostlosigkeit der lebensfeindlichen globalen Krisen, Katastrophen und globalen Konflikte andererseits eng beieinander. In der einzelnen Person wird diese Gleichzeitigkeit als besonders schmerzlich und als Absurdität der Existenz erlebt, während weder die Bedürftigkeit und Angewiesenheit noch die erlebte Ausweglosigkeit angemessenes Gehör und Anerkennung finden. Im Alltag bahnen sich überlieferte Trostpraktiken zur individuellen Bewältigung der Krisen den Weg. Am Beispiel der zunehmenden Einsamkeit, der empirischen Forschung über die in den Generationen und individuell unterschiedlich von diesem Phänomen Betroffenen, über die Folgen dieser Befindlichkeit, über die individuellen wie politischen Bewältigungsversuche und -strategien und über den gesellschaftlichen Diskurs über dieses Thema, diagnostizieren Experten eine Parallelität von Einsamkeits- und Trostscham, die beide zusammen eine wichtige Kommunikation über die hinter der Einsamkeit liegenden Bedürfnisse des modernen Menschen verhindern. Besonders für die junge Generation ist dabei eine Chronifizierung des Einsamkeitssyndroms zu beobachten mit einem chronischen Trostdefizit in den Angeboten zur Wendung dieser Not. Dieses Defizit, die Not des anderen zu sehen, und seine von der Fachwelt diagnostizierten heutigen Auswirkungen reichen weit in die Zukunft. Der Philosoph Martin Buber erläuterte in Theorie und Praxis die existenziell im Menschen angelegte Beziehungsfähigkeit und Möglichkeit: Nur in der Beziehung zu einer anderen Person, im Du, kann sich das Ich entwickeln und erfährt gleichzeitig in dieser gelebten Beziehung Respekt, Anerkennung, Zuwendung, Trost.