„Meine Damen und Herren“, beginnt der Dozent die Vorlesung, „heute widmen wir uns der Koronardurchblutung und der Sauerstoffversorgung. Schauen wir uns als erstes die Beziehung zwischen dem myokardialen Sauerstoffverbrauch und der Myokarddurchblutung bzw. der Sauerstoffextraktion und dem koronarvenösen O2-Partialdruck an.“ Er klickt auf etwas in seiner Hand und an der Leinwand erscheint eine Punktwolke nach der anderen. Es geht ein leises Stöhnen und Seufzen durch das Auditorium. „Oder …“, der Dozent dreht sich um und hat ein schelmisches Grinsen im Gesicht, „… oder, ich erzähle Ihnen erst einmal eine kleine Geschichte vorab, wie sie sich in der Klinik abgespielt haben könnte – oder vielleicht sogar hat? – und erkläre Ihnen dann, was das alles mit der Durchblutung der Herzkranzgefäße und dem Sauerstoffbedarf des Herzens zu tun hat.“ Es ist totenstill, alle starren nach vorne. „Stellen Sie sich vor, Sie wären bereits im PJ, genauer im Tertial der Inneren Medizin. Sie sind an einem Haus der Maximalversorgung angenommen und dürfen gerade in der Notaufnahme assistieren, als ein Mann hereingebracht wird, dessen Gesicht ganz bleich und schmerzverzerrt ist und der sich eine Hand gegen das Brustbein presst. Der Assistenzarzt erklärt Ihnen, dass der Patient selbst ins Krankenhaus gekommen sei, das ‚um die Ecke liege‘. Dass er was am Herzen habe, wisse er, erklärt der Patient, aber das, was da gerade passiere, sei neu. Er hätte sich um seinen Garten kümmern wollen und ordentlich im Beet herumgefuhrwerkt, als es plötzlich zu diesen Schmerzen und diesem Engegefühl in der Brust gekommen sei. Er habe furchtbar Angst gekriegt, es könnte ein Herzanfall sein, denn die Schmerzen seien schier unerträglich gewesen und hätten überallhin gestrahlt – der Mann deutet bei seiner Erzählung auf Kiefer- und Schulterbereich. Deswegen sei er direkt gekommen, berichtet er weiter, während ihm EKG-Elektroden aufgeklebt werden. Er erhält notfallmäßig einen Hub Nitrolingualspray und bereits nach zwei Minuten kehrt die Farbe in sein Gesicht zurück. In der später durchgeführten Koronarangiografie zeigt sich folgendes Bild (Abb. 27.1).“ Der Dozent schweigt und blickt sich im Auditorium um. „So, meine Herrschaften, kann mir jemand von Ihnen zunächst einmal erklären, was Nitroglycerin, Stickstoffmonoxid und die Myosin-Leichte-Ketten-Phosphatase (MLCP) der glatten Gefäßmuskulatur miteinander zu tun haben?“

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Angina pectoris

  • Martina Kahl-Scholz

摘要

„Meine Damen und Herren“, beginnt der Dozent die Vorlesung, „heute widmen wir uns der Koronardurchblutung und der Sauerstoffversorgung. Schauen wir uns als erstes die Beziehung zwischen dem myokardialen Sauerstoffverbrauch und der Myokarddurchblutung bzw. der Sauerstoffextraktion und dem koronarvenösen O2-Partialdruck an.“ Er klickt auf etwas in seiner Hand und an der Leinwand erscheint eine Punktwolke nach der anderen. Es geht ein leises Stöhnen und Seufzen durch das Auditorium. „Oder …“, der Dozent dreht sich um und hat ein schelmisches Grinsen im Gesicht, „… oder, ich erzähle Ihnen erst einmal eine kleine Geschichte vorab, wie sie sich in der Klinik abgespielt haben könnte – oder vielleicht sogar hat? – und erkläre Ihnen dann, was das alles mit der Durchblutung der Herzkranzgefäße und dem Sauerstoffbedarf des Herzens zu tun hat.“ Es ist totenstill, alle starren nach vorne. „Stellen Sie sich vor, Sie wären bereits im PJ, genauer im Tertial der Inneren Medizin. Sie sind an einem Haus der Maximalversorgung angenommen und dürfen gerade in der Notaufnahme assistieren, als ein Mann hereingebracht wird, dessen Gesicht ganz bleich und schmerzverzerrt ist und der sich eine Hand gegen das Brustbein presst. Der Assistenzarzt erklärt Ihnen, dass der Patient selbst ins Krankenhaus gekommen sei, das ‚um die Ecke liege‘. Dass er was am Herzen habe, wisse er, erklärt der Patient, aber das, was da gerade passiere, sei neu. Er hätte sich um seinen Garten kümmern wollen und ordentlich im Beet herumgefuhrwerkt, als es plötzlich zu diesen Schmerzen und diesem Engegefühl in der Brust gekommen sei. Er habe furchtbar Angst gekriegt, es könnte ein Herzanfall sein, denn die Schmerzen seien schier unerträglich gewesen und hätten überallhin gestrahlt – der Mann deutet bei seiner Erzählung auf Kiefer- und Schulterbereich. Deswegen sei er direkt gekommen, berichtet er weiter, während ihm EKG-Elektroden aufgeklebt werden. Er erhält notfallmäßig einen Hub Nitrolingualspray und bereits nach zwei Minuten kehrt die Farbe in sein Gesicht zurück. In der später durchgeführten Koronarangiografie zeigt sich folgendes Bild (Abb. 27.1).“ Der Dozent schweigt und blickt sich im Auditorium um. „So, meine Herrschaften, kann mir jemand von Ihnen zunächst einmal erklären, was Nitroglycerin, Stickstoffmonoxid und die Myosin-Leichte-Ketten-Phosphatase (MLCP) der glatten Gefäßmuskulatur miteinander zu tun haben?“