Auseinandersetzungen mit der jüngeren Zeitgeschichte in hybriden Erzählformaten
摘要
Das Kapitel 3 besteht aus einer detaillierten Analyse von Javier Cercas’ nicht-fiktionalen Romanen Anatomía de un instante (2009) und El Impostor (2014) sowie einer Untersuchung des Instagram-Projekts @ichbinsophiescholl (2021–2022). Cercas’ Texte, die auf der Basis langjähriger historiografischer Recherchen entstanden sind, versuchen die behandelten politischen Ereignisse zu rekonstruieren. Fiktionalität und literarische Erzählverfahren werden dabei sowohl zum Medium historiografischer Reflexion als auch zum Erklärungsmuster der Wirklichkeit. Demgegenüber stellt das Instagram-Projekt @ichbinsophiescholl ein innovatives Gegenmodell zu Cercas’ Texten dar. Auf der Grundlage von Archivmaterial und historiografischen Forschungen wird auf Instagram in Wort-, Bild- und Videobeiträgen aus der fiktionalisierten Ich-Perspektive von Sophie Scholl Tag für Tag ihr letztes Lebensjahr dargestellt. Das erfolgreiche, aber zugleich kontrovers diskutierte Projekt verfolgt das Ziel, die jüngere Geschichte als emotionales immersives Spektakel zu inszenieren und dabei zugleich die Möglichkeiten der digitalen Kommunikation zwischen den Usern und der fiktionalisierten Sophie Scholl zu nutzen. Cercas’ Texte und das Instagram-Projekt sind sicherlich als zwei entgegengesetzte Pole im Spektrum der zeitgenössischen historisch-fiktionalen Hybridformate zu verstehen: reflektierende Rekonstruktionsversuche vs. immersive Emotionalisierungsstrategien. Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass beide Male der Versuch unternommen wird, sich der faktualen Geschichte mit innovativen narrativen dokufiktionalen Hybridisierungsverfahren zu nähern. Bevor ich die beiden Texte von Cercas und das Instagram-Projekt analysiere, werde ich in drei knappen Überblickskapiteln das Feld zeitgenössischer historiografischer Semifiktionen umreißen, um innerhalb dieses Kontextes Cercas’ Texte und das Instagram-Projekt zu situieren. Nach einer knappen Einleitung gehe ich zunächst auf die filmischen dokufiktionalen Formate ein; ich zeige auf, inwiefern mit manipulierten Bildern wirkungsvolle Täuschungen inszeniert werden können, durch die die visuelle Evidenz des vermeintlich faktualen Bild- und Filmmaterial an Glaubwürdigkeit verliert. Bei den historisch-fiktionalen Romanen untersuche ich, inwiefern die Texte den Eindruck erwecken, dass es sich um eine rein faktuale Rekonstruktion historischer Ereignisse handelt, sie jedoch gleichwohl mit Verdichtungen, fiktionalen Verfremdungen und alternativen Handlungs- und Erklärungsvarianten arbeiten, um auf diese Weise neue Sichtweisen auf die Wirklichkeit zu ermöglichen. Auch die Strömung des New Journalism und der Non-Fiction Novel haben die zeitgenössischen historiografischen Semifiktionen geprägt. In Abgrenzung zum traditionellen Informationsjournalismus versuchen die Texte des New Journalism aktuelle Ereignisse durch szenische Rekonstruktion, präsentische Erzählverfahren und Emotionalisierung mit einem höheren Grad an Authentizität und Unmittelbarkeit zu vermitteln.