In der Geschichte des Bildungssystems und der Wissenschaften stellt das Fin-de-Siècle eine sehr komplexe Übergangsperiode dar, die einerseits durch die unbestrittene Weltgeltung der deutschen Natur- und Geisteswissenschaften, andererseits durch unübersehbare Krisensymptome geprägt war. Zu einem guten Teil waren diese Symptome Konsequenzen der Erfolgsgeschichte des deutschen Bildungssystems. Der Andrang der stetig wachsenden Bevölkerung des Deutschen Reichs auf die Universitäten führte, besonders in der philosophischen Fakultät, zu einer Überfüllungskrise; die erhöhten Absolventenquoten hatten überlange Wartezeiten bei der Anstellung in staatlichen Berufen zur Folge. Die einst recht homogene Humboldt’sche Universität entwickelte sich zu einem differenzierten Hochschulsystem, in dem die Technischen Universitäten um die Jahrhundertwende Gleichberechtigung erlangten. Das zu Jahrhundertbeginn relativ homogene Bildungsbürgertum wurde spätestens nach der Reichsgründung vom Besitz- und Kleinbürgertum in eine Randposition gedrängt, der bildungsbürgerliche Kanon der im humanistischen Gymnasium vermittelten Studienvoraussetzungen erhielt von Realgymnasien und Oberrealschulen Konkurrenz; zwischen den alten und neuen Bildungsschichten bestand ein stillschweigender Konsens nur darüber, dass die Unterschichten weiterhin von der Universität ausgesperrt bleiben sollten.

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Historische Wissenschaften – Geisteswissenschaften. Konstellationen um 1900

  • Tom Kindt,
  • Hans-Harald Müller

摘要

In der Geschichte des Bildungssystems und der Wissenschaften stellt das Fin-de-Siècle eine sehr komplexe Übergangsperiode dar, die einerseits durch die unbestrittene Weltgeltung der deutschen Natur- und Geisteswissenschaften, andererseits durch unübersehbare Krisensymptome geprägt war. Zu einem guten Teil waren diese Symptome Konsequenzen der Erfolgsgeschichte des deutschen Bildungssystems. Der Andrang der stetig wachsenden Bevölkerung des Deutschen Reichs auf die Universitäten führte, besonders in der philosophischen Fakultät, zu einer Überfüllungskrise; die erhöhten Absolventenquoten hatten überlange Wartezeiten bei der Anstellung in staatlichen Berufen zur Folge. Die einst recht homogene Humboldt’sche Universität entwickelte sich zu einem differenzierten Hochschulsystem, in dem die Technischen Universitäten um die Jahrhundertwende Gleichberechtigung erlangten. Das zu Jahrhundertbeginn relativ homogene Bildungsbürgertum wurde spätestens nach der Reichsgründung vom Besitz- und Kleinbürgertum in eine Randposition gedrängt, der bildungsbürgerliche Kanon der im humanistischen Gymnasium vermittelten Studienvoraussetzungen erhielt von Realgymnasien und Oberrealschulen Konkurrenz; zwischen den alten und neuen Bildungsschichten bestand ein stillschweigender Konsens nur darüber, dass die Unterschichten weiterhin von der Universität ausgesperrt bleiben sollten.