Russischer Formalismus, deutscher Geist, österreichische Kompositionstheorie – zur Rekonstruktion literaturtheoretischer Einflussbeziehungen
摘要
Unter den formal orientierten europäischen Literaturtheorien hat der Russische Formalismus besondere Aufmerksamkeit erfahren, weil er als genealogischer Vorläufer des tschechischen, französischen und schließlich des internationalen Strukturalismus gilt, der in Linguistik und Literaturwissenschaft ein entscheidendes, wenn nicht das entscheidende Forschungsparadigma des 20. Jahrhunderts darstellt. Aus diesem Grund gibt es eine differenzierte, empirisch gehaltvolle Wissenschaftshistoriographie zum Russischen Formalismus. Betrachtet man sie, so wird man feststellen, dass das Bild in groben Zügen festzustehen scheint, dass im Einzelnen aber Auffassungsunterschiede und Kontroversen bestehen. Ist der Russische Formalismus von der deutschen Geistesgeschichte beeinflusst? Ist die russische Kompositionstheorie dem Russischen Formalismus zuzurechnen oder gehört sie in eine andere Theorieformation? Hat die Grazer Kompositionstheorie den Russischen Formalismus beeinflusst? Fragen wie diese sind, wie wir zeigen möchten, nicht allein von wissenschaftshistorischem, sondern auch systematischem Interesse: der Russische Formalismus kann so als Testfall für eine theoretisch anspruchsvolle Wissenschaftshistoriographie dienen.