Die Frage nach dem Verhältnis von Staat und Kirche gehört in der europäischen Geschichte zu den ältesten und umstrittensten. Dem entsprechend intensiv sind die Spuren der Auseinandersetzung damit in der Geschichte des politischen Denkens. Zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich in Frankreich das religionspolitische Problem zugespitzt. Die komplementäre Ordnung zwischen absoluter Monarchie und gallikanischer Kirche geriet im Zeitalter der Aufklärung ins Wanken (Stollberg-Rilinger 2011, 93). Der König nahm in persona am Göttlichen teil, er galt als Herrscher von Gottes Gnaden. Konnte der König sich die Untertanen mithilfe der Polizeigewalt durch Angst gefügig machen, ermöglichte ihm die katholische Kirche durch ein ausgeklügeltes religiöses Belohnungs- und Sanktionssystem mit seiner Herrschaft bis in ihre letzten Gewissensregungen vorzudringen. Dieses Interessenbündnis zwischen Thron und Altar, absolutem Macht- und Wahrheitsanspruch ging für große Teile der Gesellschaft, vor allem aber für die widerwillig geduldete protestantische Minderheit, mit Gewalt und Unterdrückung einher. Gegen das grassierende Unrecht des Ancien Régime erhob sich die Stimme der Philosophen wie Pierre Bayle, Montesquieu, Voltaire, Diderot und Rousseau; sie klagten nicht nur Toleranz und Gewissensfreiheit ein und wollten den gordischen Knoten zwischen Staat und Kirche durchschlagen, sondern forderten eine konstitutionelle Zähmung der sakralen Monarchie oder sogar eine Republik (Cavuldak 2015; Maire 2019). Die Französische Revolution hat später als eine Art Laboratorium der Moderne einiges von der radikalen philosophischen Kritik der französischen Aufklärung aufgegriffen und umzusetzen versucht (Furet 1994). Dabei spielte bekanntlich das religionspolitische Denken Jean-Jacques Rousseaus zeitweilig eine herausragende Rolle (Leclerc 1797). Gemeint ist Rousseaus eigensinniger Vorschlag zur Lösung des religionspolitischen Problems in einer Republik, nämlich die „religion civile“. Was hat es damit auf sich?

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Religion/Religion civile

  • Ahmet Cavuldak

摘要

Die Frage nach dem Verhältnis von Staat und Kirche gehört in der europäischen Geschichte zu den ältesten und umstrittensten. Dem entsprechend intensiv sind die Spuren der Auseinandersetzung damit in der Geschichte des politischen Denkens. Zur Mitte des 18. Jahrhunderts hatte sich in Frankreich das religionspolitische Problem zugespitzt. Die komplementäre Ordnung zwischen absoluter Monarchie und gallikanischer Kirche geriet im Zeitalter der Aufklärung ins Wanken (Stollberg-Rilinger 2011, 93). Der König nahm in persona am Göttlichen teil, er galt als Herrscher von Gottes Gnaden. Konnte der König sich die Untertanen mithilfe der Polizeigewalt durch Angst gefügig machen, ermöglichte ihm die katholische Kirche durch ein ausgeklügeltes religiöses Belohnungs- und Sanktionssystem mit seiner Herrschaft bis in ihre letzten Gewissensregungen vorzudringen. Dieses Interessenbündnis zwischen Thron und Altar, absolutem Macht- und Wahrheitsanspruch ging für große Teile der Gesellschaft, vor allem aber für die widerwillig geduldete protestantische Minderheit, mit Gewalt und Unterdrückung einher. Gegen das grassierende Unrecht des Ancien Régime erhob sich die Stimme der Philosophen wie Pierre Bayle, Montesquieu, Voltaire, Diderot und Rousseau; sie klagten nicht nur Toleranz und Gewissensfreiheit ein und wollten den gordischen Knoten zwischen Staat und Kirche durchschlagen, sondern forderten eine konstitutionelle Zähmung der sakralen Monarchie oder sogar eine Republik (Cavuldak 2015; Maire 2019). Die Französische Revolution hat später als eine Art Laboratorium der Moderne einiges von der radikalen philosophischen Kritik der französischen Aufklärung aufgegriffen und umzusetzen versucht (Furet 1994). Dabei spielte bekanntlich das religionspolitische Denken Jean-Jacques Rousseaus zeitweilig eine herausragende Rolle (Leclerc 1797). Gemeint ist Rousseaus eigensinniger Vorschlag zur Lösung des religionspolitischen Problems in einer Republik, nämlich die „religion civile“. Was hat es damit auf sich?