Die Revolutionen des Jahres 1917 eröffneten der ukrainischen Nation die Möglichkeit der Staatsgründung. Dies ging mit brutalen und ideologisch oft verblendeten Kämpfen einher, bis die Bolschewiken 1921 die Oberhand gewannen. Die Revolutionszeit wies in der Ukraine auch eine wichtige literarische Dimension auf: Viele Autoren verstanden die politischen Umwälzungen als Chance, ihre ästhetischen und nationalkulturellen Projekte umzusetzen. Vor diesem Hintergrund erlebte die ukrainische Literatur in den 1920er-Jahren eine bedeutende Blütezeit, die nicht nur eine ästhetische Erneuerung, sondern auch eine Stärkung der kulturellen Identität bedeutete. Eine Zeit lang bot die sowjetische Nationalitätenpolitik der „Korenizacija“ (Einwurzelung) ein gewisses Maß an kultureller Freiheit. Die sogenannte „Literaturdiskussion“ der Jahre 1925–1929 stellt dabei einen besonderen Höhepunkt dar. Autoren mit unterschiedlicher Distanz zum Sowjetkommunismus wie Mykola Chvylʼovyj, Mykola Zerov, Mykola Kuliš, Mychajlʼ Semenko oder Valerʼjan Pidmohylʼnyj experimentierten mit literarischen Ausdrucksformen, die sich an den ästhetischen Entwicklungen in den Ländern Mittel- und Westeuropas orientierten, sich aus modernistischen Strömungen einschließlich der Avantgarde speisten und auch an die traditionelle ukrainische Volkskunst anschlossen. Ebenso bereicherten populäre literarische Genre wie Krimis, Abenteuer- und Liebesromane die ukrainische Literatur. Und auch das Drama, insbesondere um den Regisseur Les’ Kurbas, feierte große Erfolge in und außerhalb der Ukraine. Diese vielfältige und ästhetisch ansprechende Literatur wurde jedoch nach 1928 zusehends eingeschränkt. In den dreißiger Jahren häufen sich die sowjetischen Verbrechen: Zahlreiche ukrainische Schriftsteller und Intellektuelle verschwinden in Gefängnissen und Arbeitslagern, der Holodomor fordert mehrere Millionen Todesopfer, auf dem Höhepunkt des Stalinterrors 1937 werden berühmte ukrainische Autoren hingerichtet. Mit der Auslöschung fast einer ganzen Schriftstellergeneration, die sich für die kulturelle Autonomie der Ukraine eingesetzt hatte, wurden auch ihre Werke und Biografien aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt. Heute trägt diese Generation den Namen der „erschossenen Renaissance“.

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Literarische Paradoxien des Aufbaus einer sozialistischen ukrainischen Nation

  • Vera Faber,
  • Alexander Kratochvil,
  • Ulrich Schmid

摘要

Die Revolutionen des Jahres 1917 eröffneten der ukrainischen Nation die Möglichkeit der Staatsgründung. Dies ging mit brutalen und ideologisch oft verblendeten Kämpfen einher, bis die Bolschewiken 1921 die Oberhand gewannen. Die Revolutionszeit wies in der Ukraine auch eine wichtige literarische Dimension auf: Viele Autoren verstanden die politischen Umwälzungen als Chance, ihre ästhetischen und nationalkulturellen Projekte umzusetzen. Vor diesem Hintergrund erlebte die ukrainische Literatur in den 1920er-Jahren eine bedeutende Blütezeit, die nicht nur eine ästhetische Erneuerung, sondern auch eine Stärkung der kulturellen Identität bedeutete. Eine Zeit lang bot die sowjetische Nationalitätenpolitik der „Korenizacija“ (Einwurzelung) ein gewisses Maß an kultureller Freiheit. Die sogenannte „Literaturdiskussion“ der Jahre 1925–1929 stellt dabei einen besonderen Höhepunkt dar. Autoren mit unterschiedlicher Distanz zum Sowjetkommunismus wie Mykola Chvylʼovyj, Mykola Zerov, Mykola Kuliš, Mychajlʼ Semenko oder Valerʼjan Pidmohylʼnyj experimentierten mit literarischen Ausdrucksformen, die sich an den ästhetischen Entwicklungen in den Ländern Mittel- und Westeuropas orientierten, sich aus modernistischen Strömungen einschließlich der Avantgarde speisten und auch an die traditionelle ukrainische Volkskunst anschlossen. Ebenso bereicherten populäre literarische Genre wie Krimis, Abenteuer- und Liebesromane die ukrainische Literatur. Und auch das Drama, insbesondere um den Regisseur Les’ Kurbas, feierte große Erfolge in und außerhalb der Ukraine. Diese vielfältige und ästhetisch ansprechende Literatur wurde jedoch nach 1928 zusehends eingeschränkt. In den dreißiger Jahren häufen sich die sowjetischen Verbrechen: Zahlreiche ukrainische Schriftsteller und Intellektuelle verschwinden in Gefängnissen und Arbeitslagern, der Holodomor fordert mehrere Millionen Todesopfer, auf dem Höhepunkt des Stalinterrors 1937 werden berühmte ukrainische Autoren hingerichtet. Mit der Auslöschung fast einer ganzen Schriftstellergeneration, die sich für die kulturelle Autonomie der Ukraine eingesetzt hatte, wurden auch ihre Werke und Biografien aus dem kulturellen Gedächtnis getilgt. Heute trägt diese Generation den Namen der „erschossenen Renaissance“.