Die Moderne und die Entstehung einer gemeinsamen ukrainischen Literatur
摘要
Im ausgehenden 19. Jahrhundert schlagen sich die Modernisierung und die Europäisierung der ukrainischen Gesellschaft auch deutlich in der Literatur nieder. Die Autorinnen und Autoren wenden sich von einem ethnographisch-nationalen und ländlichen Kulturverständnis ab, das soziale Schieflagen und Fragen der Moral auf dem Dorf in den Vordergrund gerückt hatte. Stattdessen wenden sie sich mit stilistischen Innovationen und einer psychologisierenden Weltwahrnehmung der europäischen Moderne zu. Paradoxerweise förderten gerade die zunehmenden zaristischen Restriktionen gegen die ukrainische Literatur das Entstehen einer gesamtukrainischen Literatur. Die liberalere Kulturpolitik des Habsburgerreichs ermöglichte den westukrainischen Zentren L’viv und Czernowitz zu Knotenpunkten eines literarischen Netzwerks zu werden, das nun erstmals die gesamte ukrainische Literatur umspannte. In der Donaumonarchie (Ivan Franko, Hnat Chotkevyč, Vasyl’ Stefanyk) und im Zarenreich (Mychajlo Kocjubyns’kyj, Lesja Ukrajinka) steht die ukrainische Literatur fortan unter dem Zeichen einer staatsübergreifenden kulturellen Einheit.