Politische Diskussionen um die ukrainische Nationalkultur
摘要
Das romantisch-aufklärerische Projekt der Konstruktion einer ukrainischen Literatur wurde herausgefordert durch Mychajlo Drahomanov. Drahomanov kritisierte die Idolatrie um den zum Märtyrer stilisierten Ševčenko und versuchte, das ukrainische Nationalprojekt auf ein modernes europäisches Bildungsniveau zu heben. Er forderte, dass ukrainische Schriftsteller auch in der russischen Literatur Vorbilder suchten. Politisch trat Drahomanov für eine Föderalisierung Russlands ein, das zu einem liberalen Rechtsstaat umgestaltet werden müsse. Allerdings blieb Drahomanovs elitäre Kulturstrategie nicht unwidersprochen. Borys Hrinčenko, Verfasser eines der wichtigsten ukrainischen Wörterbücher, insistierte auf einer volksnahen Kulturstrategie, die so viele Ukrainer wie möglich erreichen müsse. Julian Bačyns’kyj kritisierte aus einer marxistischen Perspektive die europäischen Demokratien, die nur den Interessen der Bourgeoisie dienten. Ganz unmarxistisch forderte er jedoch einen ukrainischen Nationalstaat – nicht aus politischen, sondern aus ökonomischen Gründen. Drahomanov führte sowohl mit Hrinčenko als auch mit Bačyns’kyj eine ausführliche Korrespondenz über die Zukunft des ukrainischen Nationalprojekts.