Quartier & Wir – Praxisimpuls zur Bauwende Die sozial-, klima- und umweltgerechte Transformation des Bauwesens
摘要
Wir befinden uns im Zeitalter des Anthropozän. Damit ist jenes erdgeschichtliche Zeitalter gemeint, in dem die Menschen einen dominanten geophysikalischen Einfluss auf das Erdsystem haben. Sämtliche „Fieberkurven“ (Steffen W et al (2015) The Anthropocene Review The trajectory of the Anthropocene: The Great Acceleration. The Anthropocene Review, 2(1), 81–98. https://doi.org/10.1177/2053019614564785) weisen auf ein bevorstehendes globales Burnout der Erde hin. Unter allen Aktivitäten der Menschen die dazu führen können hat das Bauwesen den größten Einfluss auf diese absolut beispiellose Veränderung von Klima und Umwelt. Dieser drückt sich im Kleinen wie im Großen aus und hat direkte Auswirkungen auf unsere Gesundheit und grundlegend auf unser Überleben. Unser unmittelbares Zuhause betreffend sprechen wir auf Objektebene von Raumklima und Behaglichkeit sowie bezogen auf den Siedlungsraum von Mikroklima. Und was unser aller gemeinsames Zuhause und zugleich unsere Zukunft betrifft, ist damit der Planet, den wir Erde nennen, gemeint. Rohstoffverbrauch, Müllerzeugung, Flächeninanspruchnahme, Energieverbrauch und CO2e-Emissionen – in all diesen Bereichen ist der Bausektor der mit Abstand größte Treiber. Zugleich ist er dadurch auch der größte Hebel dafür, diese für uns alle lebensbedrohende Situation zu verändern. Damit wir uns die Zukunft im wahrsten Sinn des Wortes nicht verbauen, müssen wir die Art und Weise wie, womit, wo, wie viel, was und wofür wir Bauen radikal ändern und zwar rasch. Die notwendige Bauwende spricht viele unterschiedliche Bereiche an. Sie ist vor allem ein Prozess, in dem es essenziell ist, Rahmenbedingungen zu evaluieren und anzupassen (rethink), genauso wie Abläufe von der Aufgabendefinition bis zur Umsetzung und Nutzung auf den Lebenszyklus auszurichten (reduce, reuse, repair, refurbish). Der absolute Großteil unserer gebauten Umwelt, im Jahr der geplanten Erreichung der Klimaneutralität 2050, ist schon jetzt vorhanden. Der Bestand – Gebäude, Außenraum, Anbindungen und soziale Gefüge – steht somit klar im Fokus der Betrachtung und Bearbeitung. Wie kann in Respektierung der planetaren Grenzen und des sozialen Gleichgewichts die Wegwerfunkultur überwunden und die Kreislaufkultur auf umfassende Weise in Schwung gebracht werden? Der aus einem Forschungsauftrag des Landes Kärnten hervorgegangene Leitfaden „Quartier & Wir“ (verankert in Richtlinie 3 und 10 des Kärntner Wohnbauförderungsgesetz) definiert bereits diesen holistischen Ansatz in der Weiterentwicklung von Bestandsquartieren. Als Basis dient eine umfassende Befundung des Vorhandenen, welche die Zusammenarbeit und die Zusammenschau von über die Architektur hinausgehenden Disziplinen einfordert und auf die Teilhabe der Bewohner*innen großen Wert legt. Der Leitfaden ist ein erster kräftiger Impuls für die direkte Umsetzung von global Gedachtem und lokalem Handeln in einer Region. Damit konnten in Kärnten bereits mehrere Pilotprojekte mit unterschiedlichen Voraussetzungen im Wohnbaubestand gestartet werden. Auf dem Weg zur Umbaukultur ist die Begleitung von lokalen Realprojekten aus der Sondierung in die Demonstration ebenso wichtig, wie die gleichzeitige Wegbereitung durch eine breite Dialogkultur. Letztlich geht es um die Wiederherstellung (recovery) unserer gesellschaftlichen und planetaren Fähigkeit zur Regeneration (regenerate). Für die Umsetzung ist es notwendig Prozesse grundlegend neu zu entwerfen. Das Verständnis der Ausgangslage und der damit verbundenen Zusammenhänge ist dabei essenziell. Es geht um den großen Umbau – die große Metamorphose – durch respektvolles und ambitioniertes Handeln auf Basis des Vorhandenen. Dieser Text soll dafür eine Orientierungshilfe sein um ein grundlegendes Verständnis und Engagement für mehr Klima- und Umweltschutz im Bauwesen zur Erreichung der SDGs voranzubringen.