Für solche überraschenden vokalen Auftritte während einer Ouvertüre hatte es schon vor 1867 einige wenige Präzedenzfälle gegeben. Bezieht man Chöre mit ein, die bei geschlossenem Vorhang gesungen werden, wäre nicht nur an die Ouvertüre zu Meyerbeers Le pardon de Ploërmel von 1859 zu erinnern, die uns noch beschäftigen wird, sondern auch schon an Donizettis Pariser Oper Les martyrs (1840). Hierbei handelt es sich um eine Umarbeitung seiner italienischen Oper Poliuto, deren 1838 in Neapel vorgesehene Uraufführung dem Bann der Zensur zum Opfer gefallen war. Wie schon zuvor in Roberto Devereux ersetzte Donizetti ein knappes Vorspiel durch eine ausgedehnte symphonische Ouvertüre. Sie gipfelt in einem Vivace, das die ekstatische Melodie der dem Tod geweihten Christen im Finale des letzten Aktes (in Poliuto „Il suon dell’arpe angeliche“) vorwegnimmt. Mitten in dieser Sonatensatzform singt in einem knappen Larghetto der Chor hinter dem geschlossenen Vorhang das Gebet „O Dieu tutélaire“, das dann in der eigentlichen Oper im ersten Akt ebenfalls aus dem Off erklingen wird. Die Ausführungsanweisung der Partitur spricht von „Chrétiens qui sont déjà en prière derrière le rideau“, von „Christen, die schon hinter dem Vorhang beten“. Diese Überblendung der Perspektiven der (zeitgenössischen) Bühnentechnik und der (in der römischen Antike) imaginierten Handlung wirkt wie ein bizarrer Lapsus. Auch in dramaturgischer Hinsicht erweist sich diese Interpolation als durchaus prekär, denn sie nimmt den Überraschungseffekt vorweg, wenn wenig später in der großen Arie Paulines im ersten Akt eben dieses Gebet aus der Ferne zu hören ist.

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Sichtbares und Unsichtbares

  • Anselm Gerhard

摘要

Für solche überraschenden vokalen Auftritte während einer Ouvertüre hatte es schon vor 1867 einige wenige Präzedenzfälle gegeben. Bezieht man Chöre mit ein, die bei geschlossenem Vorhang gesungen werden, wäre nicht nur an die Ouvertüre zu Meyerbeers Le pardon de Ploërmel von 1859 zu erinnern, die uns noch beschäftigen wird, sondern auch schon an Donizettis Pariser Oper Les martyrs (1840). Hierbei handelt es sich um eine Umarbeitung seiner italienischen Oper Poliuto, deren 1838 in Neapel vorgesehene Uraufführung dem Bann der Zensur zum Opfer gefallen war. Wie schon zuvor in Roberto Devereux ersetzte Donizetti ein knappes Vorspiel durch eine ausgedehnte symphonische Ouvertüre. Sie gipfelt in einem Vivace, das die ekstatische Melodie der dem Tod geweihten Christen im Finale des letzten Aktes (in Poliuto „Il suon dell’arpe angeliche“) vorwegnimmt. Mitten in dieser Sonatensatzform singt in einem knappen Larghetto der Chor hinter dem geschlossenen Vorhang das Gebet „O Dieu tutélaire“, das dann in der eigentlichen Oper im ersten Akt ebenfalls aus dem Off erklingen wird. Die Ausführungsanweisung der Partitur spricht von „Chrétiens qui sont déjà en prière derrière le rideau“, von „Christen, die schon hinter dem Vorhang beten“. Diese Überblendung der Perspektiven der (zeitgenössischen) Bühnentechnik und der (in der römischen Antike) imaginierten Handlung wirkt wie ein bizarrer Lapsus. Auch in dramaturgischer Hinsicht erweist sich diese Interpolation als durchaus prekär, denn sie nimmt den Überraschungseffekt vorweg, wenn wenig später in der großen Arie Paulines im ersten Akt eben dieses Gebet aus der Ferne zu hören ist.