Misserfolge, etwa bei der Typhus-Kampagne im deutschen Südwesten, den Atoxyl-Injektionen in Afrika, hat Robert Koch hartnäckig geleugnet. Erfolge beim einzigen von ihm präsentierten Heilmittel, dem Tuberkulin, nur vorgetäuscht. Kritiker wurden von ihm kaltgestellt (Hueppe, Martius, Gottstein), Gegner als unwissenschaftlich diffamiert (Pettenkofer, Liebreich). Aber seinem Nachruhm hatte das alles offenbar keinen Abbruch getan. Man ist versucht, an einen anderen Helden der Überlieferung zu denken, an Napoleon. Von ihm wird gelegentlich als dem Erfinder der Propaganda gesprochen, – weil er es geschickt verstand, Misserfolge zu kaschieren oder sogar als Erfolge erscheinen zu lassen. Trotz eindeutiger Niederlagen gelang es Napoleon immer wieder sich als Sieger und Retter Frankreichs zu inszenieren. Nicht unwesentlich für seinen Nachruhm bis heute war dabei die Kontrolle der Erinnerung: Napoleon hatte in seinen letzten Jahren, in der Verbannung auf St. Helena, seine Memoiren diktiert – und sich darin als der Held präsentiert, als der er immer gesehen werden wollte. Für Robert Koch arbeitete in diesem Sinne sein Schwiegersohn und ehemaliger Mitarbeiter Prof. Eduard Pfuhl, der nach Kochs Tod in Fortsetzungsserien das öffentliche Bild des „bahnbrechenden Forschers“ in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift zementieren konnte. Ob Koch hier möglicherweise mit seiner heimlichen Testamentsänderung, nach der ja die Hälfte seines Erbes auf Familie Pfuhl entfiel, vorgebaut hatte?

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Robert Koch – Oder: Die rücksichtslose Durchsetzung des bakteriologischen Reduktionismus

  • Heiner Barz

摘要

Misserfolge, etwa bei der Typhus-Kampagne im deutschen Südwesten, den Atoxyl-Injektionen in Afrika, hat Robert Koch hartnäckig geleugnet. Erfolge beim einzigen von ihm präsentierten Heilmittel, dem Tuberkulin, nur vorgetäuscht. Kritiker wurden von ihm kaltgestellt (Hueppe, Martius, Gottstein), Gegner als unwissenschaftlich diffamiert (Pettenkofer, Liebreich). Aber seinem Nachruhm hatte das alles offenbar keinen Abbruch getan. Man ist versucht, an einen anderen Helden der Überlieferung zu denken, an Napoleon. Von ihm wird gelegentlich als dem Erfinder der Propaganda gesprochen, – weil er es geschickt verstand, Misserfolge zu kaschieren oder sogar als Erfolge erscheinen zu lassen. Trotz eindeutiger Niederlagen gelang es Napoleon immer wieder sich als Sieger und Retter Frankreichs zu inszenieren. Nicht unwesentlich für seinen Nachruhm bis heute war dabei die Kontrolle der Erinnerung: Napoleon hatte in seinen letzten Jahren, in der Verbannung auf St. Helena, seine Memoiren diktiert – und sich darin als der Held präsentiert, als der er immer gesehen werden wollte. Für Robert Koch arbeitete in diesem Sinne sein Schwiegersohn und ehemaliger Mitarbeiter Prof. Eduard Pfuhl, der nach Kochs Tod in Fortsetzungsserien das öffentliche Bild des „bahnbrechenden Forschers“ in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift zementieren konnte. Ob Koch hier möglicherweise mit seiner heimlichen Testamentsänderung, nach der ja die Hälfte seines Erbes auf Familie Pfuhl entfiel, vorgebaut hatte?