In seiner Antrittsrede als Intendant des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt skizzierte Jessner im Sommer 1919 seine Visionen für das Programm und die Ausrichtung der Schauspielsparte des Staatstheaters. Nicht nur in seiner Funktion als Intendant oblag es ihm, zu diversen Anlässen seine Vorstellungen über das Wechselverhältnis von Politik und Theater in Vorträgen zur Diskussion zu stellen oder in Aufsätzen darzulegen. Auch als Vorsitzender der Vereinigung künstlerischer Bühnenvorstände kam ihm die Aufgabe zu, Theaterarbeit in der öffentlichen Debatte sichtbar zu machen oder zu verteidigen. Gleichzeitig verstand er seine Veröffentlichungen als Navigationsmaterial für andere Regisseur*innen und Theaterleiter*innen innerhalb der republikanischen Theaterwelt. Wie ein roter Faden durchzieht die Verantwortung des Theaters zur Zeitgenossenschaft diese Texte. Seine Erläuterungen zur Zeitgenossenschaft in Verbindung mit der von ihm befürworteten und sich an der künstlerischen Moderne orientierenden Ästhetik, die sich besonders in szenografischen Suchbewegungen ausdrückte, prägt das Verständnis von Zeitgeist, das meinen Analysen von Jessners und Pirchans Tell sowie von Fehlings und Dülbergs Holländer zugrunde liegt. Darüber hinaus dokumentieren Jessners Vorträge und Texte den gesellschaftlichen Diskurs um die Aufgaben des Theaters im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und belegen somit ein vielgestaltiges Nachdenken über die Darstellende Kunst, das sich mit den Hoffnungen und Zukunftsideen der Weimarer Verfassung auseinandersetzte. Eine Beschäftigung mit seinen Veröffentlichungen bewerte ich deshalb ebenso als Ausdruck einer Zeitzeugenschaft für theaterpolitische Tendenzen der Zwischenkriegsjahre.

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Zeit & Kunst in der Moderne I: Das Theater als zeitgenössischer Beobachter bei Leopold Jessner

  • Sascha Förster

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In seiner Antrittsrede als Intendant des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt skizzierte Jessner im Sommer 1919 seine Visionen für das Programm und die Ausrichtung der Schauspielsparte des Staatstheaters. Nicht nur in seiner Funktion als Intendant oblag es ihm, zu diversen Anlässen seine Vorstellungen über das Wechselverhältnis von Politik und Theater in Vorträgen zur Diskussion zu stellen oder in Aufsätzen darzulegen. Auch als Vorsitzender der Vereinigung künstlerischer Bühnenvorstände kam ihm die Aufgabe zu, Theaterarbeit in der öffentlichen Debatte sichtbar zu machen oder zu verteidigen. Gleichzeitig verstand er seine Veröffentlichungen als Navigationsmaterial für andere Regisseur*innen und Theaterleiter*innen innerhalb der republikanischen Theaterwelt. Wie ein roter Faden durchzieht die Verantwortung des Theaters zur Zeitgenossenschaft diese Texte. Seine Erläuterungen zur Zeitgenossenschaft in Verbindung mit der von ihm befürworteten und sich an der künstlerischen Moderne orientierenden Ästhetik, die sich besonders in szenografischen Suchbewegungen ausdrückte, prägt das Verständnis von Zeitgeist, das meinen Analysen von Jessners und Pirchans Tell sowie von Fehlings und Dülbergs Holländer zugrunde liegt. Darüber hinaus dokumentieren Jessners Vorträge und Texte den gesellschaftlichen Diskurs um die Aufgaben des Theaters im Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und belegen somit ein vielgestaltiges Nachdenken über die Darstellende Kunst, das sich mit den Hoffnungen und Zukunftsideen der Weimarer Verfassung auseinandersetzte. Eine Beschäftigung mit seinen Veröffentlichungen bewerte ich deshalb ebenso als Ausdruck einer Zeitzeugenschaft für theaterpolitische Tendenzen der Zwischenkriegsjahre.