Die zwischen 1805 und 1808 publizierte Anthologie Des Knaben Wunderhorn gilt als unhinterfragter Ausgangspunkt für jede weitere Bemühung des 19. Jahrhunderts, im Durchgang durch die vielfältigen Lyrik-Überlieferungen des Mittelalters zu einer ‚reinen‘ Abbildung volkstümlicher Dichtkunst zu gelangen. Ein genauerer Blick auf die editorischen Verfahren der beiden Herausgeber, Achim von Arnim und Clemens Brentano, zeigt indes, dass das, was im Ausgang von dieser Textsammlung als ‚Volkslied‘ dargeboten wird, oftmals das Resultat eines gewaltigen Umdeutungs- und Homogenisierungsprozesses darstellt, der die auf dem DFG-Symposion von 2023 zur Debatte stehenden Migrationen der Lyrik ausblendet oder marginalisiert. Der Artikel verdeutlicht diesen Umgang mit der mittelalterlichen Überlieferung am Beispiel des Liedes Laß rauschen Lieb, laß rauschen (KWH II 50a) und zeichnet zugleich nach, dass der zum Inbegriff des Volksliedes stilisierte Liedtext auf einem deutlich abweichenden Komplex von ähnlichen, aber im Detail stark variierenden Liedthemen, Strophenformen und musikalischen Strukturen beruht, die um 1500 dank unterschiedlicher skripto- und typographischer Medien in sehr differenten Umfeldern zirkulieren.

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Migrationen der Lyrik um 1500 und um 1800 – eine Medienkulturgeschichte des Liedes Laß rauschen Lieb, laß rauschen (KWH II 50a)

  • Franz-Josef Holznagel

摘要

Die zwischen 1805 und 1808 publizierte Anthologie Des Knaben Wunderhorn gilt als unhinterfragter Ausgangspunkt für jede weitere Bemühung des 19. Jahrhunderts, im Durchgang durch die vielfältigen Lyrik-Überlieferungen des Mittelalters zu einer ‚reinen‘ Abbildung volkstümlicher Dichtkunst zu gelangen. Ein genauerer Blick auf die editorischen Verfahren der beiden Herausgeber, Achim von Arnim und Clemens Brentano, zeigt indes, dass das, was im Ausgang von dieser Textsammlung als ‚Volkslied‘ dargeboten wird, oftmals das Resultat eines gewaltigen Umdeutungs- und Homogenisierungsprozesses darstellt, der die auf dem DFG-Symposion von 2023 zur Debatte stehenden Migrationen der Lyrik ausblendet oder marginalisiert. Der Artikel verdeutlicht diesen Umgang mit der mittelalterlichen Überlieferung am Beispiel des Liedes Laß rauschen Lieb, laß rauschen (KWH II 50a) und zeichnet zugleich nach, dass der zum Inbegriff des Volksliedes stilisierte Liedtext auf einem deutlich abweichenden Komplex von ähnlichen, aber im Detail stark variierenden Liedthemen, Strophenformen und musikalischen Strukturen beruht, die um 1500 dank unterschiedlicher skripto- und typographischer Medien in sehr differenten Umfeldern zirkulieren.