Emigrieren, Zurückwandern. Über einige Motive nachmetaphysischer Lyrik (Friedrich Hölderlin)
摘要
Hölderlins Werk markiert den unwiderruflichen Bruch der Moderne mit den Gewissheiten sinnstiftender Glaubensmächte, zugleich wandern sakrale, auch christliche Motive auf eine nicht säkulare, bloß ästhetisierte Weise in seine Poesie zurück. Der Beitrag verortet diese migratorische Lyrik in einer „Genealogie des nachmetaphysischen Denkens“ (Habermas): Hölderlins Gedichte betrauern das Verlorene, zugleich widmet sich die Poesie nicht nur thematisch den historischen Wanderungen und Verwandlungen der Religionen, sondern versucht sakrale Gehalte zu transformieren. Die in der Moderne bereits emigrierten religiösen Traditionen wandern zurück in ein Deutungsgeschehen poetischer Art: Die späten Gedichte (Archipelagus, Am Quell der Donau, Patmos, Der Einzige) bewahren in und mit ihrer Form eine auch für die moderne Poesie noch wirksame, fast rituell evozierte religiöse Energie; die inhaltlich aufgerufenen historisch-sakralen Zeichen hingegen werden zu Wegweisern innerweltlicher Transzendenz, parallel zu den zeitgleich entstehenden vergleichenden (Geistes-)Wissenschaften.