Acta ad acta. Heimito von Doderer und die Veraktung des Lebens
摘要
Handeln moderne Erzähltexte – wie Heimito von Doderers Erleuchtete Fenster (1951) – von der ›Aktenmäßigkeit‹ des Lebens, dann üben sie sich damit zumindest vordergründig in Bürokratie-Kritik. Doch steht solch ein Schreiben – und die mit ihm verknüpfte Autorschaft – selbst unter den Bedingungen eines Zeitalters, das durch Aktenherrschaft, Aktenpraxis und Aktenkunde gekennzeichnet ist. Nicht bloß, dass literarische Autoren, wenn sie an Texten arbeiten und sich mit diesen ihren Namen machen, auf paperwork angewiesen sind, nur um diese informelle Form der Aktenführung zuletzt durch die formale Konstitution ihrer Werke zu ›beseitigen‹. Was sie hierbei zu den Akten nehmen, ist entscheidend: nämlich das ihnen eigene ›schöpferische‹ Leben, das in einer Vielzahl von Wahrnehmungs-, Denk-, Entwurfs-, Sprech- oder Schreibakten besteht. Mittels ihrer Veraktung werden diese Akte allererst existent gemacht, um dann als solche auf nichts anderes zu verweisen als auf das Leben jenseits der Akten. Von den Akten weg heißt hier also: zu den Akten hin. Wie aber das moderne Schreiben zu dieser Analogie von Akten mit Akten steht, charakterisiert seine eigene ›Aktenmäßigkeit‹. Schließlich mag es sich ebenso gut in deren acting out erschöpfen, wie es – in einer passage à l’acte – aus dem Zirkel des acta ad acta ausbrechen kann.